Wer Werkzeuge für künstliche Intelligenz entwickelt, könnte seine Marke theoretisch auch von einer KI gestalten lassen. Doch viele KI-Firmen tun genau das nicht. Sie beauftragen menschliche Designerinnen und Designer. Tom May beschreibt diesen Widerspruch in einem Beitrag für Creative Bloq und nennt ihn selbst ironisch. Für die Kreativbranche ist das eine spannende Beobachtung, denn sie zeigt, welchen Wert Handwerk und Urteilsvermögen im Branding gerade haben.

Vier Beispiele aus 2026

May führt mehrere aktuelle Projekte an. Das Studio How&How hat den KI-Bildgenerator Ideogram neu gestaltet. Lazarev entwickelte das Markensystem für die KI-Videoapp Elva und setzt auf eine freundliche Persönlichkeit, mit der Nutzer gern sprechen möchten. Die Agentur Together schuf für den KI-Auditanbieter Clusia ein vierblättriges Zeichen, kombiniert mit der Schriftart Die Grotesk und der kursiven Vitruv Text. Und Meta ließ das Logo seiner KI-Plattform Muse von der Schriftkünstlerin Jessica Hische entwerfen.

Ideogram: Das Gehirn mit dem versteckten I

Besonders anschaulich ist das Ideogram-Rebranding. Das Logo zeigt eine stilisierte Gehirnform. Im Negativraum steckt ein „I“, das daran erinnern soll, dass Ideen und Entscheidungen von Menschen stammen. Die Agentur beschreibt das Zeichen als Hinweis darauf, dass Menschen die Kontrolle behalten.

Das neue Ideogram-Logo mit gehirnförmigem Zeichen und einem schwarzen I im Zentrum auf beigem Grund
Das neue Ideogram-Zeichen mit dem I im Zentrum. Bild: How&How / Ideogram

Auch die Bildsprache folgt diesem Gedanken. Die Motive werden zunächst KI-generiert und danach in Photoshop von Hand verfeinert. Sie entstehen, verändern sich und verblassen, ein Sinnbild für ständige, unvollkommene Iteration. Die Tonalität der Marke orientiert sich an den Gestaltungsprinzipien Ausrichtung, Balance und Kontrast. How&How schreibt, ein Projekt für ein generatives KI-Tool sei „not a neutral brief for a branding studio“. Zugleich glaubt das Studio, „that understanding new technology means getting close to it, not observing it from a distance“.

Das Ideogram-Zeichen über einer unscharfen, farbigen und körnigen KI-Bildfläche
KI-Bildfläche trifft Zeichen: die Art Direction von Ideogram. Bild: How&How / Ideogram

Branding als Glaubwürdigkeitsfrage

Mays zentrale These lautet: „Branding has never been about making things look nice. It’s about making people believe you.“ KI-Unternehmen haben ein Glaubwürdigkeitsproblem, bei Designern ebenso wie in der Öffentlichkeit. Viele Menschen erkennen KI-Bilder inzwischen auf den ersten Blick. Eine Marke, die sichtbar von Menschen gestaltet wurde, soll dieses Misstrauen abmildern.

Die Zahlen, die Creative Review aus einer Figma-Studie zitiert, passen dazu. Demnach nutzten 2026 rund 76 Prozent der professionellen Grafikdesigner KI-Tools, 2023 waren es 35 Prozent. Gleichzeitig finden 78 Prozent der britischen Designer, dass KI-Arbeiten homogen wirken und die Originalität untergraben.

Das helle Gehirn-Symbol von Ideogram als App-Icon auf schwarzem Hintergrund
Das Zeichen als App-Icon. Bild: How&How / Ideogram

Der Fall Jessica Hische

Hische gestaltete für Meta das M-Icon und den Schriftzug von Muse. Dafür erntete sie auf Threads heftige Kritik von Kolleginnen und Kollegen. Nach Angaben von Creative Bloq lag das Honorar bei 12.500 US-Dollar. Hische erklärte, das Geld sichere zwei kleine Läden und deren Mitarbeiter. Kritiker meinten, man dürfe sein Können nicht dem Produkt leihen, das die Nachfrage nach diesem Können untergräbt.

May hält den Protest für verständlich, aber wirkungslos. Ohne Hische hätten die Firmen einfach jemand anderen beauftragt. Hische selbst sagte dem Magazin Wired: „Isn’t this ultimately the future that we want? Large companies hiring independent artists to do things?“

Was Kreative daraus mitnehmen

Für Designteams ergibt sich eine klare Botschaft. Wo Vertrauen entscheidend ist, bleibt menschliche Gestaltung ein Qualitätsmerkmal. Das gilt auch rechtlich: Wie schwach der Schutz rein KI-generierter Logos ist, zeigt der Beitrag „KI-generierte Logos ohne Urheberrechtsschutz: Das sagen die Gerichte“. Und wie sich der Trend im Grafikdesign insgesamt abzeichnet, beschreiben die „Grafikdesign Trends 2026: Authentizität statt KI-Glätte“.

Mays Fazit ist pragmatisch: Kreative sollen die Aufträge annehmen, exzellent arbeiten und so daran erinnern, warum die Firmen überhaupt nach menschlicher Kreativität gefragt haben. Für Agenturen und Studios heißt das auch, die eigene Haltung zu klären: Wer solche Aufträge annimmt, sollte Handwerk, Prozess und Verantwortung offen erklären können.