Glatte Oberflächen, perfekte Verläufe, makellose Fotos: Generative KI liefert Perfektion auf Knopfdruck. Genau das wird für Marken zum Problem, die auffallen wollen. In der internationalen Gestaltungsszene wächst deshalb ein Gegentrend, der Unperfektion gezielt einsetzt. Handgezeichnete Layoutelemente, unregelmäßiges Lettering, raue Texturen und bewusste typografische Brüche sollen zeigen, dass hier Menschen am Werk waren.

Wenn Perfektion nichts mehr kostet

Die Logik dahinter ist schlicht. Sauber gerenderte Bildwelten werden inzwischen schnell für maschinell erzeugt gehalten. Die Agentur Purple Creative zählt „raw & imperfect“ zu den spannendsten Designtrends 2026: Körnung, unbearbeitete Texturen und Handgezeichnetes lassen Marken menschlicher wirken, gerade weil KI Perfektion jederzeit liefern kann. Dass die Debatte im Mainstream angekommen ist, zeigt die Wahl des Wörterbuchs Merriam-Webster, das „slop“ zum Wort des Jahres 2025 kürte. Gemeint sind massenhaft produzierte, minderwertige KI-Inhalte.

Schon die Trendübersicht zu Authentizität statt Perfektion zeigte, wie stark Textur, Stickerei und Schnappschuss-Ästhetik an Bedeutung gewinnen. Inzwischen verschiebt sich die Diskussion vom reinen Look zur Markenstrategie.

Handwerk als Markenzeichen

Creative Bloq beschreibt die Abkehr von der überpolierten KI-Optik als „Anti-AI Crafting“. Graham Sykes von Landor nennt handgebaute Sets, gestickte Texturen, Collagen, Tinte, Stoff und Ton als Mittel. Als Beispiele dienen Burberrys Kampagne mit Kreuzstich-Visuals, das Studio Madalena, das für Crucible Bakterienkulturen auf einem Korklogo wachsen und anschließend von Hand kolorieren ließ, sowie das Apple-TV-Intro mit handgeblasenem Glasapfel und manuell geführter Kamera, ganz ohne CGI.

Auch bei Konsumgütern ist der Effekt sichtbar. Aerie wirbt mit dem Versprechen, keine KI-Personen und keine Retusche einzusetzen, Dove positioniert „Keep Beauty Real“ gegen KI-generierte Schönheitsbilder, und Oatly nutzt Verpackungen im Stil eines Indie-Zines mit unruhiger Typografie. Channel 4 lässt das „4C“-Monogramm in verschiedenen, von Teammitgliedern gestalteten Versionen auftreten.

Charlie Beeson von FutureBrand sieht 2026 als Wende weg vom digitalen 3D-Stil des Vorjahres und verweist auf eine ChatGPT-Kampagne, die auf 35-mm-Film gedreht wurde. Hugo Smith von Wolff Olins erwartet sogar, dass generative KI selbst traditionelle Techniken wie Holzschnitt oder gotische Typografie wiederbelebt. Polaroid feiert die Unberechenbarkeit der Analogfotografie, Liquid Death setzt auf kopierte Texturen und einen handgezeichneten Totenkopf. Gemeinsam ist den Beispielen, dass sichtbare Handarbeit als Beleg für Haltung gelesen wird.

Granola: Die Handschrift des Gründers als Schrift

Das derzeit meistdiskutierte Beispiel stammt aus der KI-Branche selbst. Die Londoner Agentur Ragged Edge hat den KI-Notizblock Granola neu gestaltet. Kern der Identität ist eine Schrift, die aus der Handschrift von Mitgründer Sam Stephenson digitalisiert wurde. Hunderte Einzelzeichen, jeweils in mehreren Varianten, sorgen dafür, dass der Text nicht nach Wiederholung aussieht. Dazu kommen ein freihändiges „G“ als Logo und ein warmes, erdiges Grün statt der grellen RGB-Farben der Konkurrenz.

Creative Director Jessica Bong-Woon betont, die Identität sei bewusst leicht unperfekt und unverkennbar menschlich angelegt. Laut Berichten trendete der Auftritt am Launchtag auf X, und Granola verzeichnete die höchsten täglichen Downloads seiner Geschichte. Ob sich dieser Erfolg allein dem Design zuschreiben lässt, bleibt offen, denn Berichte nennen außerdem eine Finanzierungsrunde über 125 Millionen US-Dollar innerhalb von drei Monaten.

Die Kehrseite: Unperfektion als Pose

Kritisch sieht die Entwicklung Elizabeth Goodspeed, US-Editor-at-Large von It’s Nice That. Nach ihrer Beobachtung dient „analog“ 2026 vor allem als Signal, nicht als tatsächliche Arbeitsweise. Vieles, was handgemacht wirkt, entsteht digital, etwa mit gekauften Papier- und Drucktexturen oder Photoshop-Actions für „analoge“ Effekte. Gefälschte Tintenspritzer vergleicht sie mit einem aufgemalten Schönheitsfleck: eine gewollte Unvollkommenheit, die Echtheit behauptet, statt Nebenprodukt eines echten Missgeschicks zu sein.

Hinzu kommt ein Wettlauf: Prozessinhalte werden schnell zu Trainingsmaterial, und KI-Bilder ahmen zunehmend Spuren menschlicher Arbeit nach. Goodspeed verweist auf die Arts-and-Crafts-Bewegung, die auf veränderte Arbeitsbedingungen statt auf bloße Nostalgie setzte. Wo Analogität nur Oberflächenstil bleibt, verliert sie ihre Wirkung.

Ähnlich nüchtern fällt der Blick auf das Recht aus: Wie KI-generierte Logos ohne erkennbaren menschlichen Gestaltungsbeitrag schutzlos bleiben, macht echte Handarbeit zusätzlich zum Markenvorteil.

Marketingbeobachter wie die Agentur CTI Digital halten fest, dass Tippfehler und krumme Linien inzwischen als Zeichen von Menschlichkeit gelten, weil Verbraucher gegenüber automatisierten Inhalten skeptisch geworden sind. Genau deshalb werden sie auch gezielt nachgebaut. Wer diesen Reflex bedient, ohne echten Aufwand zu betreiben, riskiert schnell den Vorwurf der Inszenierung.

Design Friction in der Praxis

Wer sich vom KI-Einheitsbrei absetzen will, braucht mehr als einen Körnungsfilter. Hilfreich sind einige Grundsätze:

  • Analoges tatsächlich herstellen: Skizzen, Tusche, Collage oder Stempel scannen, statt vorgefertigte Texturpakete zu stapeln.
  • Varianten statt Wiederholung: Wie bei der Granola-Handschrift sorgen mehrere Versionen je Zeichen dafür, dass keine erkennbaren Copy-and-paste-Muster entstehen.
  • Brüche mit System: Unregelmäßigkeit wirkt am stärksten innerhalb klarer Regeln aus Raster, Farbwelt und Tonalität. So bleibt die Marke wiedererkennbar.
  • Lesbarkeit prüfen: Raue Schriften und kontrastarme Texturen verlieren in kleinen Größen und auf Displays schnell an Wirkung.
  • Haltung vor Look: Handgemachtes überzeugt, wenn es zur Arbeitsweise und zu den Werten der Marke passt, nicht nur zur Trendfarbe der Saison.

Reibung im Gestaltungsprozess, also Zeit, Material und sichtbare Entscheidungen, ist damit weniger Stilfrage als Distinktionsmerkmal. Je billiger Perfektion wird, desto mehr zählt, was sich nicht auf Knopfdruck erzeugen lässt.