Wer Photoshop, Illustrator oder InDesign nutzt, zahlt Miete für Software. Genau dieses Modell gerät unter Druck: Das Projekt ArtCraft hat Ende September und Anfang Oktober 2026 sieben quelloffene Programme veröffentlicht, die Adobes Kernanwendungen nachbilden sollen. Sie heißen PhotoCraft, VectorCraft, FilmCraft, LightCraft, PrintCraft, EffectCraft und DesignCraft. Geschrieben sind sie in Rust, laufen laut Berichten lokal und ohne Konto oder Abo. Die Design Week sieht darin einen Beleg, wie schnell KI bestehende Produkte nachbauen kann.

Was hinter ArtCraft steckt

Bekannt war ArtCraft bisher als Werkzeug für KI-gestützte Bild-, Video- und Filmproduktion mit 2D-Canvas und 3D-Bühne. Die neue App-Familie erweitert das um klassische Kreativsoftware. Das Photoshop-Pendant PhotoCraft arbeitet laut Projektseite mit Ebenen, Masken, Einstellungsebenen und Textebenen und liest sowie schreibt echte PSD-Dateien. Der Code steht auf GitHub, wahlweise unter MIT- oder Apache-2.0-Lizenz.

Die übrigen Programme sind nach Berichten unterschiedlich weit. PhotoCraft und PrintCraft, das Acrobat-Gegenstück, gelten als frühe Alpha, die anderen als in Entwicklung. VectorCraft bietet Zeichenstift, Boolesche Operationen, Verlaufsnetze sowie SVG- und PDF-Import, FilmCraft eine Multi-Track-Timeline mit Farbkorrektur, LightCraft RAW-Entwicklung mit nicht-destruktiver Bearbeitung. DesignCraft zielt mit Textfluss, Absatz- und Zeichenformaten sowie druckfertiger Ausgabe mit CMYK und Beschnitt auf InDesign.

PhotoCraft mit einer elliptischen Auswahl und Einstellungsebene mit Maske auf einem Gemälde
Bild: ArtCraft Team / PhotoCraft

Zur Entstehung kursieren zwei Erklärungen. Die Entwickler sprechen von einer Clean-Room-Neuimplementierung, die allein auf öffentlichen Spezifikationen und beobachtetem Verhalten beruht. Die Design Week nennt eine zweite Möglichkeit: dekompilierte Software, die per KI neu in Rust geschrieben wurde. Das wäre nach Einschätzung des Autors in der Regel nicht legal, weil es gegen Adobes Lizenzbedingungen verstößt. Belege dafür liefert der Beitrag nicht. Laut Design Week stammt der Code zudem aus einem kleinen Repository von zwei Personen, das erst kurz zuvor aufgetaucht sei.

Wo das Model Context Protocol ins Spiel kommt

Der Kern der Debatte liegt weniger im Nachbau der Oberfläche als in der Anbindung an KI-Agenten. PhotoCraft kann einen MCP-Server starten, wahlweise ohne Oberfläche oder mit der laufenden App verbunden. Oberfläche, Kommandozeile und MCP greifen laut Projektbeschreibung auf dieselbe Registry mit mehr als 500 Befehlen zu. Ein Agent kann Bearbeitungsschritte damit direkt ausführen, statt Pixel zu raten.

Bei Adobe selbst existiert Vergleichbares bislang vor allem als Community-Experiment, etwa das Proof of Concept adb-mcp für Photoshop und Premiere Pro. Wie schnell sich Designwerkzeuge an Coding-Agenten koppeln, zeigt auch Figmas Anbindung von Weave an Claude und Cursor.

Damit verschiebt sich der Fokus der KI-Entwicklung im Design. Nach der reinen Bildgenerierung, wie sie Werkzeuge vom Typ Midjourney prägen, rücken Programme in den Vordergrund, die ein Agent wie ein Mensch bedienen kann: Ebene anlegen, Maske setzen, Ergebnis exportieren. Je offener die Schnittstelle, desto leichter lassen sich solche Abläufe automatisieren und in eigene Pipelines einbauen. Für Studios mit vielen wiederkehrenden Aufgaben, etwa Batch-Anpassungen von Vorlagen, ist das ein ernstzunehmendes Argument.

PhotoCraft mit geöffneter Textebene, Zeichen- und Absatzbedienfeld über einer Landschaftsmalerei
Bild: ArtCraft Team / PhotoCraft

Reifegrad: noch Alpha

Die Projektseite räumt selbst ein, PhotoCraft sei noch kein Photoshop-Ersatz für die tägliche Profiarbeit. Größte Lücken sind generative KI-Funktionen, rund zwanzig fehlende Werkzeuge, die Tiefe bei Typografie und Profi-Workflows sowie die Plug-in-Kompatibilität. Dass alle Photoshop-Menüpunkte mit einem Befehl verknüpft sind, misst nach Angaben des Projekts nur die Verdrahtung, nicht das Verhalten.

Die Design Week beschreibt die Software als „janky“ und hält sie noch nicht für vertrauenswürdig genug, um sie zu installieren. Wer nicht programmieren könne, dessen KI-gebaute Software sei ein Sicherheitsrisiko, weil Code ohne Expertenprüfung Schwachstellen enthalten kann. Der Autor James O’Malley zeigte sich dagegen beeindruckt vom Gesamteindruck, bemerkte aber, dass der Gaußsche Weichzeichner nicht funktionierte.

Ebenenstil-Dialog mit Outer Glow auf einer Textebene über einem Foto der Mondoberfläche
Bild: ArtCraft Team / PhotoCraft

Für Gestalterinnen und Gestalter ist das besonders bei Typografie und Druckvorstufe relevant. Genau dort, bei Schrift, Farbmanagement und Plug-ins, entscheidet sich im Studioalltag, ob ein Werkzeug taugt. Die Funktionsliste allein sagt darüber wenig aus.

Demokratisierung oder Lizenzchaos?

Für Offenheit spricht vieles: freier Quellcode, lokale Ausführung, kein Abo, ein Zugang zu PSD-Dateien ohne Cloud. Dagegen steht die ungeklärte Rechtslage. Das Projekt betont, keine Verbindung zu Adobe zu haben, und nennt Adobe-Namen nur zur Beschreibung kompatibler Workflows. Der Design-Week-Autor erwartet, dass Adobes Anwälte aktiv werden, und bezweifelt, dass das Projekt ohne gute Finanzierung lange besteht. Eine Reaktion von Adobe lag in den ausgewerteten Quellen nicht vor.

Adobe setzt unterdessen auf eigene KI-Funktionen, zuletzt mit dem Firefly-Update 2026 für Bild und Video. Das Spannungsfeld ist damit klar: Hier ein etabliertes Mietmodell mit KI im Programm, dort Klone, die sich von Agenten steuern lassen.

Was Kreative jetzt beachten sollten

  • Nur mit Kopien testen und die Programme nicht auf Produktivrechnern installieren.
  • PSD-Kompatibilität an eigenen Dateien prüfen, bevor Projekte darauf aufbauen.
  • Rechtliche Fragen klären, bevor Kundenprojekte mit den Tools entstehen, besonders in Agenturen.
  • Schnittstellen beobachten: Die größere Verschiebung liegt in agentenfähiger Software, nicht im einzelnen Klon.

Ob ArtCraft die Creative Cloud tatsächlich herausfordert, entscheidet sich an Stabilität, Rechtssicherheit und Pflege über die Alpha-Phase hinaus. Als Signal, wie schnell sich Software-Funktionen per KI replizieren lassen, hat das Projekt die Szene schon jetzt erreicht.