Editorial Design stellt besondere Anforderungen an eine Schrift. Sie muss über unterschiedlichste Größen und Kontexte hinweg funktionieren, von prägnanten Headlines über lange Lesetexte bis hin zu Bildunterschriften und Fußnoten, und dabei eine konsistente gestalterische Sprache bewahren. Genau für diese Anforderungen hat Felix Braden mit seiner Schriftgießerei Floodfonts die Schriftfamilie Corsario Variable entwickelt.
Ein Schriftsystem für Headlines, Fließtext und Fußnoten
Der Variable Font kombiniert eine Fetten-Achse mit einer optischen Größenachse und ermöglicht es, die Schrift stufenlos an unterschiedliche Lesesituationen anzupassen, anstatt ausschließlich auf vordefinierte Schnitte zurückzugreifen. Dadurch lässt sich eine einzige Schriftdatei gleichermaßen für ausdrucksstarke Display-Anwendungen wie für Fließtexte oder kleinste Schriftgrade einsetzen.

Formal orientiert sich Corsario an der britischen Schrifttradition des 19. Jahrhunderts und verbindet Einflüsse aus Transitional-, Scotch- und Fatface-Schriften mit zeitgenössischen Proportionen und geometrischen Details. Charakteristisch sind die markanten, scharf gezeichneten Serifen, die der Schrift in großen Größen eine hohe Wiedererkennbarkeit und elegante Anmutung verleihen, während sie in kleinen Schriftgraden zur Stabilität und Lesbarkeit des Schriftbildes beitragen.

Lesbarkeit als gestalterisches Prinzip
Eine wichtige Grundlage des Projekts bildet die Arbeit des niederländischen Schriftgestalters Gerard Unger und dessen Theorie zur Lesbarkeit. Unger entwickelte für viele seiner Schriften eine charakteristische Formensprache mit vergleichsweise hoch angesetzten, flachen Schultern. Dadurch werden die Punzen vergrößert, die Buchstabenformen geöffnet und insgesamt ein ruhigeres, leichter wirkendes Schriftbild erzeugt. Ein zentrales Merkmal dieses Konzepts sind relativ flache Bögen, etwa bei n, h und m, die die horizontalen Elemente der Buchstaben betonen und den Lesefluss unterstützen. Unger beschreibt dieses Prinzip in seinem Standardwerk Wie man’s liest als eine der Grundlagen funktionaler Schriftgestaltung.
Flache Bögen und offene Punzen im Einsatz
Die Betonung horizontaler Elemente sorgt gerade in der Caption-Version von Corsario für ein besonders stabiles Schriftbild, das auch unter schwierigen Bedingungen, etwa auf Bildschirmen mit geringer Auflösung oder im Zeitungsdruck, eine gute Lesbarkeit gewährleistet.

Auch zahlreiche Detailentscheidungen innerhalb der Schriftfamilie folgen diesem funktionalen Ansatz. In den Display-Größen sorgen dynamische Haarlinien dafür, dass sich die feinen Striche zu den Serifen hin verstärken und dadurch die für die Zeichenerkennung wichtigen Bereiche hervorgehoben werden. In den Text- und Caption-Größen sind die Haarlinien dagegen durchgehend kräftiger gestaltet, um auch bei kleinen Schriftgraden eine hohe Erkennbarkeit zu gewährleisten.
Die Rückkehr der optischen Größen
Corsario Variable greift darüber hinaus das klassische typografische Konzept der optischen Größen auf. Im Zeitalter des Bleisatzes war es selbstverständlich, dass jeder Schriftgrad individuell gezeichnet wurde. Kleine Größen benötigten robustere Proportionen und einfachere Details, während größere Schriftgrade feinere Kontraste und filigrane Formen erlaubten. Mit der Einführung des Fotosatzes in der Mitte des 20. Jahrhunderts verschwand diese Praxis weitgehend. Aus wirtschaftlichen und technischen Gründen setzte sich häufig ein einziger Entwurf durch, der für sämtliche Schriftgrößen skaliert wurde, ein Kompromiss, der auch in der Ära des Desktop Publishings lange bestehen blieb.

Die Entwicklung variabler Schrifttechnologien hat das Thema erneut in den Fokus gerückt. Variable FontsEine Variable Font ist eine Schriftdatei, die mehrere Schriftschnitte, etwa von dünn bis fett oder von schmal bis breit, nicht als separate Einzeldateien enthält, sondern als ein einziges, stufenlos veränderbares System. Statt zwischen fest definierten Schnitten wie Regular, Bold oder Condensed zu wählen, lässt sich bei einer Variable Font jeder Zwischenwert entlang definierter Achsen frei einstellen. Technisch basiert das Format…
Weiterlesen: Variable Fonts ermöglichen es, unterschiedliche optische Größen innerhalb einer einzigen Schriftdatei abzubilden und stufenlos zwischen ihnen zu interpolieren. Corsario Variable nutzt diese technischen Möglichkeiten, um den traditionellen Gedanken optischer Größen in einen zeitgemäßen digitalen Kontext zu übertragen. So lassen sich expressive Display-Schnitte und gut lesbare Textgrößen innerhalb einer konsistenten Schriftfamilie miteinander verbinden.
Zwei variable Schriftschnitte, 54 Stile
Mit dem aktuellen Release erhält Corsario zusätzlich zum aufrechten Schnitt eine passende Kursive. Die beiden Variable Fonts, Upright und Italic, ergeben zusammen 54 Schnitte und decken damit ein Spektrum von Thin bis Black ab, jeweils in Headline-, Text- und Caption-Variante.

Für den internationalen redaktionellen Einsatz unterstützt Corsario ein breites Spektrum an Sprachen und Sonderzeichen, von mitteleuropäischen und nordischen Diakritika bis zu türkischen und osteuropäischen Zeichensätzen.

Der vollständige Zeichensatz umfasst neben lateinischen Groß- und Kleinbuchstaben auch Kapitälchen, Ligaturen, ein umfangreiches Figurenset mit verschiedenen Ziffernarten sowie zahlreiche Satzzeichen, mathematische Symbole und Pfeile.

Corsario im redaktionellen Einsatz
Wie sich die Schrift in der Praxis verhält, zeigt sich besonders in mobilen und großformatigen Anwendungen. Auf dem Smartphone-Bildschirm behauptet sich Corsario auch in kleinen Textgrößen, während sie sich auf Plakaten und im großformatigen Editorial Design als markante Headline-Schrift eignet.


Vom Entwurf zur fertigen Schrift
Wie viele Schriften von Felix Braden entstand auch Corsario zunächst als handgezeichneter Entwurf, bevor die charakteristischen Serifen und Bogenkonstruktionen digitalisiert und in das Variable-Font-Format überführt wurden.

Felix Braden und die Schriftgießerei Floodfonts
Felix Braden studierte Kommunikationsdesign an der Universität Trier, arbeitete später bei Gaga Design mit Jens Gehlhaar und war Mitgründer von Glashaus Design, bevor er als Art Director bei MWK Cologne unter anderem die Unternehmensgestaltung für Malteser International sowie das Logodesign des Römisch-Germanischen Museums verantwortete. Im Jahr 2000 gründete er in Köln seine eigene Schriftgießerei Floodfonts. Viele seiner Schriften tragen Namen mit Wasserbezug, etwa Pulpo, Kontiki, Capri, Tuna oder Moby. Seine Schrift FF Scuba erhielt 2013 eine Anerkennung in der Communication Arts Typography Annual, Kontiki wurde 2019 für den German Design Award nominiert. Bei Fontwerk veröffentlichte Braden zudem die Schrift Turbine.

Verfügbarkeit und Preis
Nach über fünf Jahren Entwicklungszeit und mit spürbar viel Herzblut ist Corsario Variable damit komplett. Die Schriftfamilie ist inklusive der neuen Kursive ab sofort über die Microsite von Floodfonts sowie über Adobe Fonts, Font Bros und MyFonts erhältlich. Die vollständige Familie kostet 792 US-Dollar, für Nutzer der Adobe Creative Cloud steht sie über Adobe Fonts kostenlos zur Verfügung.



