‘Sweet Root’, ein innovatives Restaurant im litauischen Vilna hat sich mit einem bildschönen Buch ein Denkmal gesetzt. Auf Englisch und Litauisch breiten die Autoren Erinnerungen, Assoziationen und zauberhafte Bilder aus, die Lust auf einen kulinarischen Trip nach Litauen machen. Die Gestaltung ist wegweisend, die sehr emotionalen Texte öffnen ein Fenster in die Seele dieses kleinen baltischen Landes und seine großartige Natur. Und genau dieser Natur entspringen die Inspirationen der litauischen Kochkunst, die bei Sweet Root zu höchster Raffinesse kultiviert wird.

Aber was macht eigentlich Litauens gastronomische Tradition aus? Um diese Frage zu beantworten, hat das junge Team vom Restaurant Sweet Root Kindheitserinnerungen und Geschichten, die sie täglich von anderen hören, gesammelt. Ein Teil dieser Geschichten spielt sich im Garten des Restaurants ab, wo viele der im Restaurant verarbeiteten Zutaten angebaut werden. Gleichzeitig stehen die Restaurantbetreiber täglich in Kontakt mit den Bauern, Käseherstellern, Müllern und anderen Local Heroes, die die besten regionalen Produkte und ihre eigenen einzigartigen Geschichten anbieten. So sollte der Stolz der litauischen Landschaft authentisch emotional zurück auf die Teller kommen. Umgesetzt wurde das Projekt vom Studio BOY.

Sweet Root aus Litauen

Team Sweet Root

Miglé Rudaityté vom Studio BOY

DESIGNBOTE Redakteur Wolfgang Linneweber sprach mit Miglé Rudaityté vom Designstudio BOY:

Worum geht es bei diesem Buch? Ich las Überschriften wie “Es war einmal”, “Helden”, “Land”, “Jahreszeiten”, “Wie wir es hier mögen” etc.

Im Grunde genommen ist das Buch ein visuelles und emotionales Märchen über das Land Litauen aus gastronomischer Perspektive. Wir beginnen mit der Einleitung des Märchens, beschreiben dann den Ort, also unser Land in Bezug auf die typischen Geschmacksrichtungen, Farben, Gefühle, Aromen der Jahreszeiten. Dann kommen die Helden des Märchens – lokale Zutaten, die wir gerne essen und die Menschen, die sie auf unsere Tische bringen. Das runden wir ab, indem wir die traditionellen Kombinationen der Zutaten (“So, wie wir es mögen”) betrachten, die einen authentischen Einblick in unsere Küche geben. Am Ende kommt das Happy End:) Vier verschiedene Gerichte einer bestimmten Jahreszeit, die ganz spezielle Zutaten, Gewohnheiten, Traditionen und Emotionen widerspiegeln. Es gibt eine ganze Reihe von Beispielen für diese Gerichte im ganzen Buch um die Handlung zu illustrieren, sowie einige Rezepte am Ende des Buches.

Was waren die ursprünglichen Beweggründe / Motive für das Buchprojekt?  Was ist “Die Geschichte dahinter”…

Seit der Eröffnung des Sweet Root Restaurants haben wir angefangen, mit Šarūnė Zurba (einer befreundeten Fotografin) in den Wald, die Felder, die Wiesen und den Garten zu gehen. Sie sollte dort einfach viele Fotos machen. Wir wollten zeigen, wo alles beginnt und dass es hier, in Litauen, einfach schön ist. Nach drei Jahren hatten wir so viele unglaubliche Fotos und so viele Gedanken in unseren Köpfen, dass wir uns entschlossen haben, das alles in ein Buch zu packen:) Um den Stolz auf die lokalen Zutaten zurückzubringen, um uns daran zu erinnern, wie schön unser Esstisch ist, und ihn stolz dem Rest der Welt zu zeigen.

Wofür stehen diese markanten geometrischen Muster?

Uns war von Anfang an wichtig, die Lebensweise unserer Vorfahren im Auge zu behalten und die alte baltische Lebensweise widerzuspiegeln. So begannen wir nach einigen unserer Wurzeln zu suchen und erfuhren vom alles ordnenden Rėda-Zyklus.

Der Rėda-Zyklus beschreibt das Wesen des natürlichen Lebenszyklus, die Art und Weise, wie unsere Väter gelebt haben und wie sich die Menschen mit dem natürlichen Wachstums-Zyklus der Pflanzen identifiziert haben: von der Geburt über die Reifung, die Ernte bis hin zur endgültigen Transformation in Stille und Tod. Es ist eine philosophische Ganzheit aus alten Bräuchen, Festen, Zeremonien und dem Kern unserer überlieferten Kultur. Der Rėda-Zyklus hat vier Übergangszeiten, Mini-Jahreszeiten, jeweils mit ihren eigenen Bedeutungen und Gefühlen.

Ob Spätwinter – Frühlingsanfang, später Frühling – früher Sommer, später Sommer – früher Herbst und später Herbst – früher Winter, jede dieser Jahreszeiten wird durch zwei markante, alte graphische Symbole dargestellt. Aber auch durch eine sehr schöne Sprache – darin einige ähnlich klingende und aussehende litauische Wörter. Zum Beispiel: NOKTI – NYKTI.

NOKTI bedeutet reifen und NYKTI bedeutet genau das Gegenteil, nämlich verschwinden. So steht NOKTI für Frühling und Sommer, NYKTI für Herbst und Winter. Wir haben diese schönen Dinge als Grundlage genommen und eine eigene grafische Sprache entwickelt – 10 Spreads im Buch, die die verschiedenen Kapitel voneinander trennen.

Wir haben uns entschieden, diese illustrativen Texte in tastbarer Blindprägung zu gestalten. Auf diese Weise konnten wir eine stille, saubere, minimalistische, aber subtile Bildsprache schaffen, die zwar die alte baltische Kultur symbolisieren, aber nicht die Fotografien im Buch dominieren würde.

Was war Eure Leitidee als Ihr den Auftrag für die Buchgestaltung angenommen habt?

Wie gesagt, spielte der Lebensstil unserer Vorfahren eine wichtige Rolle. Eine weitere Konstante war von Anfang an, dass wir so viele schöne Fotos von Litauen und seinen lokalen Zutaten hatten. Es waren so viele, dass wir uns kaum entscheiden konnten, welche davon wir in dem Buch verwenden sollten. Das hatte einige der Entscheidungen des Buchdesigns beeinflusst. Zum Beispiel haben wir beschlossen, dass es noch besser wäre, wenn das Buch neun verschiedene Einbände hätte, statt nur einem. Deshalb entwarfen wir neun verschiedene Einbände – einen für jeden Buchstaben des Wortes LITAUEN, was die Vielfalt unserer Heimat widerspiegeln soll.

Gab es besondere drucktechnische Herausforderungen?

Oh ja, natürlich. Wahrscheinlich waren die blindgeprägten Texte das größte Problem für die Drucker. Das war ziemlich schwierig. Aber wir sind sehr froh, dass wir es getan haben.

Was sind die Wurzeln der litauischen Kultur und Sprache? In Deutschland wissen wir kaum etwas über Euer Land.

Litauen ist ein winziges Land in Nordosteuropa. Es hat aber eine lange, tiefe Geschichte und eine der ältesten Sprachen Europas. Alles begann im Jahr 1009, als der Name Litauen zum ersten Mal erwähnt wurde. Später erlebte unser Land viele Höhen und Tiefen, Kriege und Perioden des Friedens, der Bündnisse und Besetzungen. Die Entwicklung wurde von vielen anderen Kulturen und Ländern beeinflusst (z.B. Deutsche, Franzosen, Italiener, Russen, Polen …). In unserer langen Geschichte hat sich die Offenheit für die Welt und neue Kulturen herausgebildet, aber auch die starke Identität eines unabhängigen und historischen Landes.

Mir scheint, es gibt ein tiefes Gefühl für die natürlichen Kräfte, die noch in der Seele Eures Volkes nachklingen. Sind die allgegenwärtige Natur, eine geringe Bevölkerung, starker, sozialer Zusammenhalt und ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein mögliche Gründe?

Die Menschen sind immer abhängig von der Natur und ihrer Kraft. So war es schon seit Ewigkeiten. Und das war noch deutlicher, bevor das Christentum in unser Land kam. Das wird heutzutage leicht vergessen. Aber es gibt immer noch viele Rituale, Alltagsgewohnheiten, Traditionen usw., die einfach auf dem natürlichen Rhythmus der Natur beruhen.

Wie kommt es, dass Litauen eine so hochkarätige Designkultur entwickelt hat? Liegt das Geheimnis in einem natürlichen Sinn für Schönheit?

Ich glaube, jetzt ist die Zeit, in der es egal ist, ob man in Litauen oder in anderen Teilen Europas lebt – alles ist so miteinander verbunden, dass gutes (und schlechtes) Design überall vorkommen kann. Aber danke für das Kompliment!

Wie litauisch ist Dein Studio BOY? Was macht BOY sonst noch?

Boy ist 100 % litauisch. Boy ist ein Kreativstudio, das sich auf Grafikdesign spezialisiert hat: Wir beschäftigen uns hauptsächlich mit Branding und Editorial Design. Wir nehmen Auftragsarbeiten an, aber auch selbst initiierte Projekte. Wir brennen wirklich für alles Kreative! Weitere Arbeiten können Sie auf unserer (noch nicht ganz fertiggestellten) Website einsehen: www.theboy.lt

Was sind klassische litauische Gerichte und typische Zutaten? Gibt es etwas, was man ausschließlich in der litauischen Küchentradition kennt?

Wie die Geschichte Litauens, so ist auch seine Küche eine offene Mischung von Einflüssen aus anderen Küchen mit einem klaren Set sehr beliebter Zutaten. Wir versuchen aber nie, einfach nur Stereotypen zu erzeugen und die “klassischen” Gerichte auf den Tisch zu bringen. Das Restaurant-Team ist der Meinung, dass die Zutaten und ihre Kombinationen entscheidend sind – Honig & Gurken, Heidelbeeren & Milch, Fisch & Zwiebeln, Kartoffeln & Pilze, Roggenbrot & Kümmel, Kalmus, Sauerkraut & Preiselbeeren … um nur einige zu nennen:)

Das Restaurant baut sein eigenes Gemüse an. Fotos zeigen riesige Zuccini-Pflanzen. Wie ist das Klima in Litauen?

Es ist das Klima von Zentral-Nordeuropa:):):) Vier unterschiedliche und schöne Jahreszeiten geben uns Vielfalt, einen ziemlich langen Spätherbst, langen Winter und einen frühen Frühling. Das ergibt uns ca. 5 Monate (von Mai bis Oktober) Gemüse im Freien anzubauen, Beeren und Pilze im Wald zu sammeln und die Gärten im Herbst abzuernten …

Gibt es eine Tradition, Wildkräuter zu sammeln?

Ja, in der Tat. Wir benutzen sie, um unsere Gerichte im frühen Frühling aufzupeppen, unsere Gerichte im Sommer zu verfeinern und sie durch Trocknen für Tee und als Ätherische Öle für den Winter haltbar zu machen.

Proud of Lithuania. A Fairy Tale by Sweet Root

The circle of Rėda
I    Once upon a time
II   The beautiful land of Lithuania
III  The great heroes of our country
IV  The way we like it here
V   The happy ending
VI  The story behind
Recipes

Vorschau auf Issuu:

Format: 21 x 29,5 cm, Hardcover
ISBN: 978-609-95571-4-4
Englisch und Litauisch
360 Seiten

Verlag: Dvi Tylos, 2017
Autor: http://www.sweetroot.lt/
Texte: Algė Ramanauskienė
Editing: Jenn Virskus, Jurgita Jačėnaitė
Photos: Sarune Zurba Photography
Design: Boy Creative Studio
Druckerei: Balto Print‚
Preis: 55,-€

‘Proud of Lithuania. A Fairy Tale by Sweet Root’ gibt es im Restaurant ‘Sweet Root’

Bildquelle: Proud of Lithuania