Der jüngste Bericht des Club of Rome liest sich wie eine Grabesrede auf den Planeten. Schier unüberwindbar scheinen die Herausforderungen angesichts von Bevölkerungsexplosion, Migrationswellen, Luftverschmutzung, Vermüllung und dem Raub an Natur und Ressourcen.

Menschliches Handeln im Sinne von ‚Nachhaltigkeit‘ könnte den sich anbahnenden Untergang zumindest verzögern. Zum Glück hat der viel gehörte, leider oft verschleiernd bemühte Begriff längst und fast unbemerkt, Eingang in die Lehrpläne gefunden. Nachhaltiges Konstruieren und Gestalten sind inzwischen auch in der Wirtschaft vielerorts akzeptierte Praxis. Doch was bedeutet Nachhaltigkeit genau?

Es bedeutet, mit unserem Heimatplaneten, seinen Ressourcen und Lebewesen so umzugehen, dass auch künftige Generationen in einem heilen Lebensraum leben können. Dazu müssen ökologische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aspekte gleichermaßen Berücksichtigung finden. Designer können da viel bewegen, wenn sie Produkte und Dienste entsprechend der Nachhaltigkeitsphilosophie entwickeln. Denn dann können z. B. Ressourcen geschont, gesellschaftliche Problemstellungen erkannt und angegangen und komplexe Zusammenhänge transparent gemacht werden.

Im Kölner Stadtteil Ehrenfeld existiert seit über 20 Jahren eine Designhochschule der etwas anderen Art. Ihr Name ist Programm: ‚ecosign‘ sieht sich nämlich als Design-Akademie für Nachhaltiges Design. Die Absolventen sollen hier, so der selbstformulierte Anspruch, „ein breites Fachwissen und großes kreatives Potential als auch … Verantwortungsbewusstsein für Umwelt und Gesellschaft“ erwerben.

Immerhin 45 Lehrkräfte betreuen etwa 230 Studierende der Disziplinen Kommunikations- und Produkt-, Filmdesign, Fotografie und Illustration, die ihre Schwerpunkte selbst setzen und ganz nach Gusto kombinieren können. Der Grund: Ein interdisziplinäres Designstudium mit ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Kenntnissen ist die beste Basis für nachhaltiges Gestalten. Deshalb zählen neben gestalterischen Seminaren und Vorlesungen auch Philosophie, Psychologie, Designtheorie, Kunstgeschichte, Marketing, BWL und Designmanagement zu den Studieninhalten eines Studiums an der ecosign.

Im Rahmen von Semesterprojekten mit Partnern aus Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft sammeln die Studenten schon während des Studiums Praxiserfahrung und schmieden Kontakte zu potenziellen Arbeit- und Auftraggebern. Zu den Projektpartnern für das Studienfach Design gehören unter anderem das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, das Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP), die Verbraucherzentrale NRW, Greenpeace, die Effizienz-Agentur NRW, die Kölner Abfallwirtschaftsbetriebe (AWB) und der Club of Rome.

Das Studium an der ecosign kann entweder – in Kooperation mit der Alanus Hochschule als akademischem Partner der ecosign – mit einem staatlich anerkannten Bachelor of Fine Arts oder mit dem hauseigenen Diplom der ecosign abgeschlossen werden. Dank der ausgeprägten Praxisorientierung finden Absolventen oft schon bald nach dem Abschluss interessante Jobs, oftmals in leitender Position. Etwa 50% arbeiten nach dem Abschluss selbständig, ein Drittel angestellt z.B. in Agenturen oder Verlagen. Manche machen sich in der Schnittstelle von Design und Nachhaltigkeit („grünes Design“ oder „green design“) in Forschungsinstituten oder im Designmanagement nützlich. Ein paar interessante Karrieren von ecosign-Absolventen und eine Absolventenstatistik gibt es hier:

DESIGNBOTE Redakteur Wolfgang Linneweber sprach mit dem Stellvertretenden Direktor Daniel Funk.

Daniel Funk Stellv. Direktorecosign

Herr Funk, ich als studierter Designer und geborener Kölner kannte die ecosign nicht. Asche über mein Haupt. Dabei gibt es die schon seit über 20 Jahren. Was sagen Sie dazu?

„Jetzt kennen Sie die ecosign ja. Das ist durchaus symptomatisch, denn mindestens die ersten zehn Jahre unserer Arbeit waren wir Exoten mit einem Thema, dem nachhaltigen Design, das seiner Zeit voraus war. Mittlerweile aber ist das Thema, seine Relevanz und Tragweite in den öffentlichen Diskurs eingedrungen. Forschung, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft haben das Nachhaltige Design als Thema entdeckt, und das verändert auch unsere Arbeit. Wo wir vor 15 Jahren noch weit ausholen mussten, um unsere Arbeit zu erläutern, ist das heute selbstverständlich geworden, warum es eines Nachhaltigen Designs bedarf.“

Ich bin dann auch eher zufällig auf Ihre Akademie gestoßen, weil ich eine ecosign-Absolventin interviewt habe. Dabei fiel mir auf, dass eine Lesung mit Carsten Buck, dem Autor von ‚Zombie Design‘ angekündigt wurde. Was macht Buck so interessant für eine Lesung in Ihrem Haus?

„Carsten Buck erzählt über Design und Nachhaltigkeit als einer, der die Tragweiten des Designs erst aus Neigung, dann aus Beruf für sich entdeckt hat, und so zur Nachhaltigkeit gekommen ist. Und er ist ein sehr guter Erzähler und kurzweiliger Gesprächspartner. Wir versuchen in jedem Semester, unseren Studierenden und der interessierten Öffentlichkeit eine ganze Bandbreite von Perspektiven auf das Design und Fragen der Nachhaltigkeit zu eröffnen, dazu gehören auch solche Lesungen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven.“

Auch die ecosign betont den Aspekt der ‚Nachhaltigkeit‘. Warum ist das so? 

„Weil der Aspekt der Nachhaltigkeit im Mittelpunkt unserer Arbeit steht. Wir sind keine Design-Akademie, die ihren Studiengang ein wenig mit Nachhaltigkeit aufhübscht, sondern das ist das Zentrum unseres Studiengangs. In allen Kursen werden die jeweiligen Aspekte von Nachhaltigkeit multidisziplinär erschlossen und in das Handwerkszeug professioneller Designer integriert.

Nachhaltiges Design ist in unserem Verständnis ein Design, das weiß was es tut und nicht nur blindlings vor sich hin dekoriert, um den Verkauf zu beschleunigen. Wissen, was man eigentlich mit jeder gestalterischen Entscheidung tut entlang einer Wertschöpfungskette, entlang eines Produktlebenszyklus, in einer Kultur, einer Gesellschaft, einem Zeichensystem, und so weiter. Das erfordert Kompetenz im wissenschaftlichen Arbeiten, das erfordert Weltwissen und Urteilskraft.

Nachhaltigkeit läßt sich durchaus auch sehr knapp mit Zukunftsfähigkeit übersetzen. Das steht seit der Gründung der ecosign im Zentrum unseres Interesses: Ein Design mit Problemlösungskompetenz.“

Unsere niederländische Nachbarprovinz Limburg hat sich schon vor Jahren die Cradle to Cradle-Philosophie auf die Fahne geschrieben und wirtschaftet schon entsprechend. Hierzulande spüre ich persönlich eine solche Begeisterung nicht. Wie ist das Image des Begriffes ‚Nachhaltigkeit‘ in der deutschen Politik, in der Wirtschaft und bei den Konsumenten? Gibt es Beispiele für entsprechendes Handeln?

„Beim Stichwort Cradle to Cradle muss man differenzieren zwischen der Idee möglichst konsistenter Stoffkreisläufe, die in der Forschung bereits Anfang der Neunziger entwickelt wurden und der Marke Cradle to Cradle, die eher eine exotische Geschäftsidee als ein schlüssiges Wirtschaftskonzept ist. Deshalb ist die Rede von Kreislaufwirtschaft oder Circular Economy sinnvoller.

Die Begeisterung dafür entsteht erst gerade, das Thema taucht in den letzen paar Jahren deutlich prominenter in der Fachdiskussion auf. Das erleben wir sehr stark auf den entsprechenden Fachkonferenzen. Einer der Gründe, warum das Thema hierzulande gerade erst am Start steht, hat sicher auch mit dem isolierten Denken verschiedener Branchen zu tun. Wenn Sie einen Blick in die gängigen Lehrbücher für Produktmanagement werfen, werden Sie entdecken, dass die Produktverantwortung in der Regel beim Werkstor beginnt, wo das zu verarbeitende Material angeliefert wird, und beim Ende der Garantiezeit für den Endverbraucher endet.

Aber Produktverantwortung beginnt bei der Extraktion von Ressourcen für ein Produkt, mit allen damit verbundenen Nebenwirkungen ökologischer, sozialer, humanitärer Art; denken Sie nur an die seltenen Erden, die häufig unter prekären Bedingungen abgebaut werden! Und Produktverantwortung endet da, wo ein Produkt dem Recycling oder dem Re-Use zugeführt wird. Das muss alles schon im Entwurfsprozess mitbedacht werden.

Das sind alles komplexe Zusammenhänge, und viele Unternehmen tun sich damit äußerst schwer. Es gibt aber auch äußerst erfreuliche Gegenbeispiele, die wirtschaftlich erfolgreich sind und viel Schwung in die Branche bringen, weil die alten verantwortungslosen Produzenten recht nackt dastehen.

Ein nachhaltiges Umsteuern ist ein langwieriger Prozess. Unsere Aufgabe der akademischen Ausbildung von Nachhaltigen Designern besteht nicht nur darin, kompetente Profis für den Arbeitsmarkt auszubilden, sondern auch eine Art von Design zu stärken, das dieses Umsteuern deutlich attraktiver macht.“

Ecosign-Studenten werden recht häufig ausgezeichnet. Haben Sie eine Idee, wie stark der Nachhaltigkeitsaspekt dazu beiträgt?

„Der Nachhaltigkeitsaspekt trägt ganz entscheidend dazu bei, weil Nachhaltiges Design eben bedeutet, alle Aspekte eines Entwurfs sehr gründlich zu durchdenken. Das ist nicht nur ökologisch günstiger, sondern für Nutzer deutlich attraktiver, für Hersteller sinnvoller und offenkundig auch für Jurys überzeugender.“

Gab es in jüngster Zeit ecosign-Projekte, die in ganz besonderer Weise das Leitbild der ecosign umgesetzt haben?

„Eine der bekanntesten Arbeiten, die an der ecosign entstanden sind, ist die Semesterarbeit „Pfandring“ von Paul Ketz; an der Arbeit lässt sich gut erkennen, wie eine originelle Idee sich nicht notwendigerweise durch komplexe Technologie auszeichnen muss, sondern auch auf der Diskursebene einen mächtigen Effekt erzielt.

Die Abschlussarbeit „Rohstoff“ von Johanne Tönnies macht durch die Markengestaltung für einen lokalen Bergischen Korn die Ressourcenfrage sinnlich erlebbar — ein sehr origineller Zugang zu einem etwas trockenen Thema. Ähnlich auch die Abschlussarbeit von Laura Quarz, die mit einem Schmuckdesign aus Quarzsand die sich zuspitzende Situation um den Sand als knapp werdenden Rohstoff sinnlich erlebbar macht.

Aus dem Bereich Kommunikationsdesign ist der App-Entwurf von Carolin Konrad und Kim Huber zu erwähnen, mit deren Hilfe beim Kauf von Fisch auf ästhetisch sehr ansprechende Weise die Überfischung der jeweiligen Fischarten eingeschätzt werden kann. Die Arbeit hat den Nachhaltigkeitspreis der ecosign, den Froschkönig gewonnen und ist für den Bundespreis ecodesign nominiert.

Man sieht: jede Arbeit deckt einen ganz spezifischen Aspekt der Nachhaltig mit einer ganz eigenen Ästhetik ab.“

Wie sind denn die Berufschancen Ihrer Absolventen?

„Die Berufsaussichten sind ausgezeichnet. Das hat viel mit der Nachhaltigkeit zu tun, aber auch damit, dass wir gegen den Trend auf dem Bildungsmarkt konsequent bei einem achtsemestrigen Studiengang geblieben sind. Die sechssemestrigen Schnell-Bachelor haben häufig nicht die berufliche Reife, wie das für unsere Absolventen gilt. Über 80% unserer Absolventen arbeiten unmittelbar im Designbereich, sowohl als Angestellte in Agenturen als auch als Selbständige oder Agenturgründer. Durch die sorgfältige wissenschaftliche Qualifikation werden aber auch andere Einsatzgebiete immer häufiger, wo Design und Forschung aufeinandertreffen, sei es in Forschungsinstituten, NGOs, Unternehmen etc.

Arbeitgeber und Kunden unserer Absolventen schätzen insbesondere die hohe fachliche Qualifikation, die sehr solide Allgemeinbildung, die wissenschaftliche Fundierung, aber auch das souveräne kommunikative Auftreten unserer Absolventen.“

 

Danke sehr Herr Funk, dass Sie Zeit für uns hatten.