Dänisches Design – Ganz gleich, ob in Fashion, Architektur oder Interior Design, das kleine skandinavische Volk versteht sich auf große formale Klarheit, fühlbare Funktionalität und einen wertigen Auftritt. Seit dem ‚Danish Modern‘ aus den 50er und 60ern, kennen wir das Königreich Dänemark als kreativen Hotspot dem wir jede Menge talentierte DesignerInnen verdanken. Die dänische Kultur ist durchdrungen von einer typisch dänischen Design Consciousness und kennt viele Beispiele für ‚Gesamtkunstwerke‘, bei denen Architektur, Möblierung, Beleuchtung und Geschirr aus der Hand einer einzigen Gestalterpersönlichkeit kommen. In Dänemark vermittelt ein Möbel eines bekannten dänischen Designers wesentlich mehr Status als ein teures Auto.

Irgendwie protestantisch nüchtern, suchte man in den Nachkriegsjahren nach objektiven Kriterien für ein perfekt gestaltetes Produkt und fand ein ganz wichtiges in der Anthropometrie, der Lehre von den menschlichen Körpermaßen. Die aus ihr abgeleitete Ergonomie bildet einen wichtigen Gestaltungsansatz der stark handwerklich geprägten dänischen Moderne.

(Wieder-) entdeckt wurde das Danish Design von der US-Presse in den 1950er Jahren, das daraufhin einen irren kommerziellen Schub erlebte. Die Nachfrage war so stark, dass man kaum noch mit der Produktion nachkam und zunehmend auf Serienproduktion setzte. Den Preisen hat das nicht geschadet.

Dänisches Design – Die Klassiker der dänischen Moderne

Die bekannte Kunsthandwerksschule der Kongelige Danske Kunstakademie brachte, ausgehend von einer Handwerkstradition, viele berühmte Designerpersönlichkeiten hervor.

Der Tischlermeister Fritz Hansen (1847–1902) gründete 1896 in Kopenhagen eine Fabrik mit Sägewerk. Die Firma produzierte 1915 Dänemarks ersten dampfgebogenen Holzstuhl. Einer der beiden Gründersöhne, Poul Fritz Hansen, kooperierte ab 1934 u.a. auch mit dem Architekturprofessor Kaare Klint (1888-1954) und dem Architekten Arne Jacobsen (1902 – 1971) und fertigte Regalsysteme und Schrankwände für Klint.

Dieser Zusammenarbeit entsprang u.a. auch Jacobsens legendärer Stuhl Serie 7 (der meistverkaufte Stuhl aller Zeiten) für das in den 1930er Jahren von Jacobsen im funktionalistischen Stil entworfene Theater und Restaurant Bellevue in Klampenborg. Die Produkte des von dem US-Designer Ehepaare Charles und Ray Eames inspirierten Architekten und Designers Arne Jacobsen, genießen heute den Status von Designklassikern. Jacobsen entwarf 1952 den bei Hansen produzierten Stuhl ‚Ant™‘, der dank seiner drei Beine auch auf unebenen Untergründen immer wackelfrei stand. The Ant war, als Vorläufer von ‚Serie 7‘ seinerzeit für viele eine formale Zumutung, deren wegweisende und durchaus revolutionäre Formsprache noch nicht allgemein verstanden wurde.

Der Möbeldesigner Børge Mogensen (1914-1972) gestaltete u.a. attraktive, einfach zu produzierende Sitzmöbel, die bei aller Schlichtheit auch praktisch sind. Sein gestalterisches Erbe hat der dänische Hersteller Fredericia übernommen.

Der Ingenieur Herbert Krenchel (1922-2014) widmet sich zunächst der Materialforschung, um schließlich die hauchdünne Schale ‚Krenit‘ mit ihrer ausgefallenen Materialkombination aus farbigem emaille in ihrem Inneren und einer Hülle aus schwarzem Faserzement zu entwickeln. Die Design-Ikone wurde 2007 – nach über 40 Jahren – von Normann Copenhagen neu aufgelegt und ist, das ist Labelpolitik, durchaus bezahlbar.

Dem Möbeldesigner Poul Kjærholm (1929 – 1980) verdankt das Dänische Design wegweisende, dezidiert kantige Entwürfe wie zum Beispiel das nicht ganz billige Schlafsofa PK 80 und den mit knapp 1000 € vergleichsweise preiswerten Sessel PK 31. Seine Gattin Hanne Kjærholm (geboren als Hanne Dam, *1930 †2009) war eine erfolgreiche Architektin und Professorin.

COPENHAGEN, DENMARK - MAY 05, 2018: Danish Museum of Art & Design (Museum of Decorative Art) displaying works of famous Danish designers. Permanent exhibition The Danish Chair

COPENHAGEN, DENMARK – MAY 05, 2018: Danish Museum of Art & Design (Museum of Decorative Art) displaying works of famous Danish designers. Permanent exhibition The Danish Chair

Anthropometrie wird zu Ergonomie

Kaare Klint, Mogensens Mentor und ‚Vater des modernen Dänischen Designs‘, ermutigte Mogensen, die Proportionen des Idealtyps traditioneller englischer Stühle, nämlich des Windsor-Stuhls, zu untersuchen und dessen Design in modernere Linien zu übersetzen. Mogensens Schaffen war geprägt von Klints Forschungen zu den menschlichen Körpermaßen, der Anthropometrie. Nachdem er sein eigenes Studio eröffnet hatte, erarbeitete er das Design der Schrank- und Aufbewahrungssysteme Öresund (1957) und Boligens Byggeskabe (1956). Mogensen entwarf auch das von den radikal schlichten Shaker-Möbeln inspirierte Speichen-Sofa Nr. 1789, das ihn nachhaltig als dänischen Topdesigner etablieren sollte. Typisch für Mogensen war helles Buchenholz für eine junge Zielgruppe, damals ein Novum. Seine Neuinterpretationen erfolgreicher historischer Entwürfe unter Berücksichtigung der menschlichen Anatomie machten sein Design weltweit begehrt.

Der Tischler, Designer und Architekt Hans J. Wegner (1914 -2007), dank seiner etwa 500 Stuhlentwürfe auch „The Master of the Chair“ genannt, war Mitbegründer des Danish Modern die spätere Vorstellungen von Wohnkultur stark beeinflusst hat. Wegner schuf 1949 den aus dem China Chair hervorgegangenen CH24 Wishbone Chair, der bis heute von Carl Hansen & Søn produziert wird. Wegner wurde vielfach international ausgezeichnet, seine (im Original unglaublich teuren) Möbel sind u.a. im Museum of Modern Art/ NYC und in der Neuen Sammlung/ München zu sehen und erleben seit ein paar Jahren ein Revival: Wegners Stuhl CH33 wird seit 2012 wieder von Carl Hansen & Søn produziert.

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Verner Panton (1926 – 1998) erlangte mit dem in Coop mit Vitra produzierten Panton Chair internationale Bekanntheit. Panton brachte ironische und witzige Aspekte der Pop Art in die Gestaltung von Möbeln, Leuchten, Textilien und Raumgestaltungen ein. Der Stuhl aus einem Guss wird seit 1967 bis heute produziert und gilt, weil durchaus sexy, als Klassiker sowohl der Pop Art wie auch des Möbeldesigns.

Die Leuchte ‚PH 5‘ von Poul Henningsen aus dem Jahre 1958 taucht regelmäßig in TV-Produktionen auf. Henningsen studierte 1911-1914 an der Technischen Schule Frederiksberg und von 1914-17 am Technischen Kolleg in Kopenhagen, machte aber nie seinen Abschluss als Architekt. Dennoch engagierte er sich im Thema der funktionalistischen Architektur. Doch sollte der Sohn einer bekannten dänischen Schauspielerin erst mit seinem Lichtdesign bekannt und mit der Tischleuchte PH 2/1 berühmt werden.

Alle genannten Produkte bestechen mit ihrer klaren Linie, hohen handwerklichen Qualität und fühlbaren Ergonomie und viele von ihnen sind als Zeugen der dänischen Designgeschichte längst Museumsstücke.

Die junge Designergeneration

Das New Danish Design versöhnt, die eigene Historie immer im Blick, Tradition und Moderne zu einer zeitgenössischen Formsprache. Mit hohen Ansprüchen an Material- und Verarbeitungsqualität setzen junge dänische Designer moderne Trends in zeitlose Formen und lebhafte Farbpaletten um. Charakteristisch für dänisches Design bleiben dabei Minimalismus, hohe Handwerksqualität und ausgeprägte Funktionalität im Sinne eines zeitgemäßen Lebensstils.

Dänisches Design – Designlegenden remixed

Junge Kreative Norm Architects und Claesson Koivisto Rune lassen sich von den Altstars inspirieren, modernisieren deren Entwürfe aber ausgesprochen geradlinig mit aufgefrischten Paletten und innovativen Materialkombinationen. Das traditionsreiche dänische Traditionslabel Stelton präsentiert mit seiner Kollektion „Danish Modern 2“ remixte Designklassiker: Zum Beispiel wurde der Coffeemaker von Arne Jacobsen aufs neue interpretiert und auch die Teekanne ‚Emma‘ kommt jetzt aufgefrischt, auch in Babyblau, Edelstahl und Holz daher.

Der 1999 von Jan Andersen und Poul Madsen gegründete Firma Norman Copenhagen verdanken wir u.a. die vielfach ausgezeichnete Lampe Norm 69, die vom Käufer selbst zusammengebaut werden musste. Seit 2009 produziert Norman Copenhagen auch Möbel in hippen Farben, inspiriert durch aktuelle Farbtrends aus Mode und Lifestyle.

Øivind Slaatto war erst 33, als ihn 2011 Bang & Olufsen einlud, doch mal sein Uni-Abschlussprojekt zu präsentieren. Für den Lautsprecher ‚BeoPlay A9‘ wurde die Firma 2016 mit dem Danish Design Award und 2017 noch mal für das Nachfolgermodell ‚BeoSound Shape‘ ausgezeichnet. Slaatto entwirft außerdem Leuchten für Le Klint oder Louis Poulsen.

Delicate design meets Stone

Die Kopenhagener Designmarke Menu produziert unter dem Motto New Minimalism Möbel und Wohn-Accessoires aus innovativen Materialien, mit spannender Funktionalität. Die Formensprache ist ebenso schnörkellos wie delikat und spielt dabei mit Materialien wie Stahl, Beton oder Marmor.

Die Keramikerin Malene Helbak (*1998) hat Industrial Design an der Designskolen Kolding studiert und zunächst für LEGO gearbeitet. Seit 2000 hat sie ein eigenes Studio in Kopenhagen und entwirft u.a. puristische Keramikprodukte mit simplizistischen Decors.

Im dänischen Keramikdesign ist aktuell zu beobachten, dass seine puristischen Produkte – besonders die der Marke K.H. Würtz ihren Weg auf die Tische extravaganter Restaurants weltweit finden. Eine Bühne für die urigen irdenen Schalen und Geschirre bietet seit einiger Zeit die junge gastronomische Philosophie des ‚New Nordic Kitchen Manifesto‘.

Dänische Uhren gehen mit der Zeit

Skandinavische Uhren stehen für schlichtes, funktionales Design. Dänische Marken wie Skagen und Bering sind weltweit gefragt.

Die Marke Skagen entlehnt ihren Namen seit 1989 der gleichnamigen nördlichsten dänischen Stadt. Die Marke vertrieb zunächst u.a. Modelle des dänischen Industrie Designers Jacob Jensen (1926 – 2015), der mit seinen Entwürfen für Bang & Olsen bekannt wurde. Jensen gestaltete über 500 Produkte, darunter Telefone, Radios, Küchenartikel, ein Automobil und sogar einen Sarg. Jensen wirkte in den Fünfzigern als Industriedesigner für Sigvard Bernadotte und Acton Bjørn (im ersten skandinavischen Studio für Industrial Design), gründete 1958 ‚Jacob Jensen Design‘ und lehrte 1959-1961 Industrial Design an der Universität von Chicago.

Skagen wurde bekannt mit selbst entwickelten, extrem flachen Armbanduhren im puristischen Design.  Seit 2012 gehört Skagen zur US-Marke Fossil.

Die Unternehmensstory von Bering liest sich  ein wenig schräg: Der Unternehmer René Kaerskov war 2008 am Nordpol mit dem Fallschirm aus einem Helikopter abgesprungen. Er war so beeindruckt von der endlosen weißen Weite, dass er seine Geschäftspartner, Michael Witt Johansen und Lars Gram-Skjønnemann für eine neue, minimalistische Uhrenmarke begeistern konnte.

Das dänische Designmuseum

Dass die alten Mauern eines ehemaligen Krankenhauses die Reliquien der dänischen Designgeschichte bergen, sieht man ihnen von außen nicht an. Der Stuhl, dessen Gestaltung in Dänemark vor allem in den 50ern und 60ern in endlosen Variationen durchdekliniert worden ist, nimmt mit hundert Exponaten einen ganzen Flur ein. In der Dauerausstellung ist Raum für die neue Generation der jungen dänischen Designer.
www.designmuseum.dk

Zusammenfassung:

Das zeitgenössische dänische Design will, genau wie seine historischen Vorgänger, nützlich sein und gefallen. Es entkräftet damit wirkungsvoll den Vorwurf an die Postmoderne, dass Architektur und Design den Menschen als Nutzer aus dem Blick verloren hätten. Für die Ikonen und Klassiker werden auch als Neuware beeindruckende Preise aufgerufen.

Auch interessant: DESIGNBOTE – Eine „hygge“ Tour durch Kopenhagen

 

Stock Photos:
Titel: Jodie Johnson/ Shutterstock.com
Stuhl-Ausstellung Dänisches Designmuseum: olgagorovenko / Shutterstock.com
Skagen-Uhr: Dan Jardin/ Shutterstock.com