Michael Schirner „Schirners Kampagnen haben die verblüffende Einfachheit einer Scharlatanerie, die neugierig darauf macht, ihren Haken zu finden.“ (DIE ZEIT, 1987)

In der Kreativbranche nennt man ihn den deutschen „Werbepapst“, für manche ist er der Josef Beuys der Reklame. Bei diesem Multitalent verschwimmen die Grenzen von Genres und Disziplinen. Die Rede ist von dem deutschen Künstler und Kommunikationsdesigner Michael Schirner (*1941, Chemnitz).

An der Hamburger Hochschule für Bildende Kunst studierte er bei Max Bill, Max Bense, Kilian Breier und Bazon Brock. Er organisierte eine Kostümparty in der Hochschule am Lerchenfeld LiLaLe 1968 (Lieben, Lachen. Lerchenfeld) unter der freizügigen Devise: „Kein Kostümzwang, das heißt, Kostüme können an der Garderobe abgegeben werden.“ Ob des ebenso hemmungs- wie hüllenlosen Treibens ließ der Skandal nicht auf sich warten. Die Fete kam auf den Index, Schirner quittierte die Hochschule und verdiente schon bald viel Geld in der Werbung.

Mit seinem Wechsel ins Werbelager war der Ex-Student kein Einzelfall und mit anderen, die eigentlich auch Künstler waren, wie Andy Warhol, Joseph Beuys, Jeff Koons und Martin Kippenberger in bester Gesellschaft. Für Schirner war klar: „Die besten Ideen in der Kunst kommen ohnehin aus der Werbung“. Er wollte die Limitierungen der angewandten Kunst schleifen und behauptete, dass „Kunst nur Werbung ist und Werbung nur Kunst, also beides nichts Besonderes, aber das Höchste und Erhabenste“ (Quelle: Schirner Zang Foundation) sei.

Michael Schirner wurde 1974 Kreativchef bei der gefeierten Werbeagentur GGK in Düsseldorf und fand dort in der Schweizer Werbeikone Paul Gredinger (* 1927; † 2013) einen toleranten Mentor. Gredinger, eigentlich Architekt, hatte sich Mitte der Fünfziger mit Karlheinz Stockhausen und Herbert Eimert beim Studio für elektronische Musik, einem avantgardistisch, experimentellen Ableger des WDR in Köln engagiert und malte kubistisch. Als Grande der Werbeszene war er mit ein paar meist schweizerischen Künstlern eng befreundet und hatte ein riesen Faible für die Kunst. In Düsseldorf war er in den frühen Siebzigern mit seiner provokanten Kombi Werbung x Kunst genau an der richtigen Adresse. Eine Agentur vom Kaliber der GGK und Werber-Originale vom Schlage eines Gredinger oder Schirner sollten den Status der Landeshauptstadt als Metropole der Reklame noch für Dekaden prägen, Großtalente wie Reinhard Springer (dort 1976 – 1979) oder Konstantin Jacoby (bis 1979 Creative Director) verdienten sich dort ihre ersten Sporen.

Dass er es mit der Entgrenzung von Kunst und Werbung ernst gemeint hatte, bewies Michael Schirner 1981 mit seiner Ausstellung “Werbung als Kunst” in der Galerie Hans Mayer. Werber from all around the world reichten bei der hochkarätig gecasteten Jury Arbeiten und Kampagnen ein, von denen sie glaubten, dass es ‚Kunst‘ sei. Sogar Joseph Beuys und Andy Warhol gaben sich bei der Eröffnung ein Stelldichein. Schirner brach mit Beuys einen kleinen Disput vom Zaune über die Frage, ob Werbung denn nun Kunst sein könne. Für Beuys war scheinbar wichtig, wofür geworben würde, Schirner hingegen fand, so heißt es, das wie relevanter. Man ging ohne Einigung auseinander. In dem Kontext soll Beuys seinen berühmten Spruch gebracht haben: „Ich denke sowieso mit dem Knie.“

Michael Schirner der Werber

Nach 10 Jahren bei GGK gründete Schirner 1985 seine eigene Agentur, die zum Schirner Zang Institute of Art and Media GmbH mutierte.

Hatte Schirner als Kommunikationsdesigner schon hunderte von Kampagnen und Projekte entwickelt und dabei mit den besten internationalen Fotografen zusammengearbeitet, so setzt er sich als Medien- und Konzeptkünstler mit den Bildwelten der Massen- und Hochkultur sowie mit der Wahrnehmung medienvermittelter Bilder auseinander. Seine Bilder sind Bilder über Bilder. Als Bilderarchive dienen ihm Zeitungen, Zeitschriften, Filme, Fernsehen, Internet, Werbung und nicht zuletzt auch die Kunst. Schirner experimentiert mit Bildern des kollektiven Gedächtnisses die er in künstlerisch eigenständige Schöpfungen transformiert.

Seit 2002 arbeitet Schirner mit Kexin Zang (*1978 in Beijing, China) zusammen. Zang, die Kommunikationsdesign und Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung im ZKM studiert hatte, wurde 2011 Geschäftsführerin der Schirner Zang Institute of Art und Media GmbH und ehelichte Michael Schirner. Der gründete 2012 mit seiner Frau die gemeinnützige Schirner Zang Foundation zur Förderung von Kunst und Kultur, Wissenschaft und Forschung, Bildung und Erziehung und den Austausch zwischen Europa und Asien. Schirner ist Vorstand der gemeinnützigen Schirner Zang Foundation und Geschäftsführer der Schirner Zang Institute of Art and Media GmbH.

Schirner auf seiner Website: „Kunst trifft Wirtschaft und Wissenschaft, europäisches trifft fernöstliches Denken, Fühlen und Handeln, und alles trifft sich zum non-linearen, spekulativen Denken und zur Entwicklung globaler Ideen für eine Welt, die sich heute noch keiner vorstellen kann.“ Schirner ist Ehrenmitglied des Art Directors Club (ADC) Deutschland und Mitglied der Hall of Fame der deutschen Werbung.

Der kahle Mann mit der dicken schwarzen Brille wirkte als Kreativchef der legendären GGK, verfasste das Buch ‚Werbung ist Kunst‘, kuratierte u.a. die Ausstellung „Art meets Ads“, war ab 1999 Professor für Grafikdesign und Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung im ZKM Karlsruhe, seit 2002 lehrt er an der Central Academy of Fine Arts Beijing, China sowie an der Faculty of Design, Kyushu University Fukuoka in Japan. Er leitete das Institut für Kunst und Medien und wurde 1996 Honorarprofessor an der Hochschule der Künste in Bremen. Ab 2003 war Schirner Geschäftsführender Gesellschafter und übernahm die Leitung des „Michael Schirner-Instituts für Kunst und Medien GmbH“ an der HFG sowie am ZKM in Karlsruhe.

2004 wurde er Ehrenmitglied des „Art Directors Club Deutschland“ und wirkte als Gastprofessor an der Faculty of Design der Kyushu Universität in Fukuoka, Japan.

Michael Schirner gilt als Werbe-Avantgardist und Reformator der Plakatwerbung. Er hat mit griffigen und unvergesslichen Konzepten für Marken wie Pfanni (‚Das jüngste Gericht‘, ‚Zwölf Uhr mittags‘, ‚Mit Kohldampf voraus‘) Deutsche Post oder Jägermeister die komplette Markenkommunikation geprägt. Berühmt wurden Kampagnen etwa für Volkswagen und IBM (‚SchreIBMaschine‘). Mit seinem kreativen Schaffen löste Prof. Michael Schirner seinen Anspruch ‚Kunst ist Werbung‘ ein und etablierte eine ‚Schule des Sehens‘, wirkte stil- und bewusstseinsprägend.

Die Kampagnen und Projekte der GGK Werbeagentur Düsseldorf, Schirners Werbe- und Projektagentur und sein Institut für Kunst und Medien GmbH, der jetzigen Schirner Zang Institute of Art and Media GmbH, wurden weltweit bejubelt, vielfach ausgezeichnet und prägten den Stil von Generationen junger Werber. Michael Schirner und seine Kreativen schrieben Werbegeschichte für Auftraggeber wie adidas, ARD, WDR und ZDF, die Bausparkasse Schwäbisch Hall, die Bayerische Vereinsbank, Beiersdorf, Berlin, Bündnis 90/Die Grünen, Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit, Burda, Creme 21, C&A, DER SPIEGEL, DGB, DIE ZEIT, ELLE, die GEZ, Gruner + Jahr, Henkel, Hugo Boss, IBM, Jägermeister, Jugend forscht, KPMG, Mannheimer Versicherungen, Margaret Astor, die Nord/LB, Osram, Post, die Ruhrgas AG, Schweppes, den STERN, die taz, Vitamalz, die VOGUE, Volkswagen und Audi, die WAZ und den Wursthersteller Zimbo.

Schirner gilt als „erfolgreichster Kreativer Deutschlands“, „Werbepapst“ und „Beuys der Reklame“, äußert sich aber auch als Maler, Fotograf, Medien-, Installations- und Performancekünstler, dessen Arbeiten international ausgestellt werden.

Michael Schirner war Professor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, der Faculty of Design, Kyushu University Fukuoka, Japan und der Central Academy of Fine Arts in Beijing, China und er ist Honorarprofessor für Kommunikationsdesign der Hochschule für Künste Bremen am, Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM). Schirner lehrt an der CAFA, Central Academy of Fine Arts Beijing, China und der Faculty of Design, Kyushu University Fukuoka, Japan.

Michael Schirner der Künstler

Nach dem Ende der Düsseldorfer Goldgräberjahre wurde Schirner unsichtbar und soll angeblich eine Weile in einer brasilianischen Favela gelebt haben. Heute ist er ausschließlich als Künstler und Initiator von Aktionen zum Wohle der Kunst aktiv.

In seinem Werk als Medien- und Konzeptkünstler setzt Schirner sich mit den Bildwelten der Massen- und Hochkultur sowie mit der Wahrnehmung medienvermittelter Bilder auseinander. Schirner schafft Bilder über Bilder die er aus Zeitungen, Zeitschriften, Filmen, Fernsehsendungen, dem Internet, der Werbung und aus der Welt der Kunst bezieht. Seine Arbeit experimentiert mit den Images des kollektiven Gedächtnisses die in autonome Kreationen umgewandelt werden.

Seit jeher will Michael Schirner auch als Künstler und Designer die Grenzen zwischen angewandter und freier Kunst ebnen. Mit der Gleichsetzung von Werbung und Kunst, dem Prinzip der radikalen Reduktion von Bild und Text, der Sichtbarmachung des Unsichtbaren, der Arbeit an der Selbstabschaffung des Künstlers als Autor erneuerte er Kunst und Werbung.

Michael Schirmer kuratierte 1992 die beachtete Ausstellung “Art meets Ads” in der Kunsthalle Düsseldorf. Mit „Art meets Ads“ bewiesen der damalige Kunsthallen-Direktor Jürgen Harten und der Werber Michael Schirner, dass Werbung auch ’nur‘ Kunst ist, und andersrum.

Im Bereich von Kunst und Kultur kooperierte Schirner schon mit Diedrich Diederichsen, den Malern Albert Oehlen, Jonathan Meese und Werner Büttner, dem Ästhetikprofessor Bazon Brock, dem Kunsthistoriker und Philosophen Hans Ulrich Reck, dem Philosophen Peter Sloterdijk, dem Fotografen Andreas Gursky, u. v. a..

Frage der Haltung

Schirner beschreibt seine Haltung als „grundsätzlich analytisch-antiindividuell, das heißt, die Person des Künstlers tritt ganz hinter ihrem Werk zurück; die Schatten des Ichs, die sich in persönlichem Geschmack, in persönlichem Ausdruck und persönlichem Stil auf ein Werk legen, sind für Michael Schirner Momente der Verdunkelung und des Rückfalls in alte Formen der Kunst. Schirners Kunst kennt kein Ich, kein Selbst und keinen Autor.“ (Quelle)

Schirner will in seinem Oeuvre das Unsichtbare visualisieren. Bildelemente werden radikal eingedampft, alles Unnötige weggelassen. Weil die Betrachter das nicht zu sehende selbst imaginieren müssen, werden sie laut Schirner selbst zu Urhebern des betrachteten Werkes.

1985: Bilder in unseren Köpfen

In einer Ausstellung in den Hamburger Messehallen sollte Schirner das Kommunizieren imaginärer künstlerischer Inhalte noch weiter treiben. Der Betrachter wurde zum Medium, dessen Graue Zellen zur Hardware, von dessen Harddisk er die Erinnerungen abrufen sollte, die Schirners Bilder triggerten. Das Projekt PICTURES IN OUR MINDS präsentierte schwarze Tafeln, auf denen in weißer Schrift Fotos beschrieben wurden: ‚Südvietnamesischer Polizeipräsident erschießt einen Vietkong‘, ‚Der Fußabdruck des ersten Menschen auf dem Mond‘, ‚Albert Einstein streckt die Zunge raus‘ etc. Schirner ‚photoshoppt‘ Archivbilder und korrigiert damit wichtige historische Ereignisse wie auch die kollektive Erinnerung.

Analog zum Konzept dieser ‚Pictures‘ schuf Schirner in den folgenden Jahren noch weitere imaginierte ‚Museen‘: fotolose Fotoausstellungen, designlose Designshows usw. die sich allesamt auch in Buchform, online, als Tonträger und Klanginstallation manifestieren.

2007 präsentierte Michael Schirner unter dem Titel „Bilder im Kopf“ mit einer Klang-Installation seine neuesten PICTURES im NRW Forum für Kunst und Wirtschaft Düsseldorf.

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2011: Und Tschüss, weg ist der Künstler

2010 sind Bilder der Reihe BYE BYE in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Hier kommunizierte Schirner das Imaginäre in entgegengesetzter Richtung: Statt textlichen Beschreibungen imaginierter Bilder zeigte er grob gerasterte Reproduktionen von Bilder, die dem Betrachter verwirrend bekannt erscheinen, obwohl sie ganz bestimmt noch nie zuvor gezeigt worden waren. Wer sie sah, fühlte sich in einem Raum der Ungewissheit: Kannte er das Bild? Erinnerte er sich gerade? Ist das jetzt wirklich oder nur Schein. Schirners BYE BYE-Reihe besteht aus fotoähnlichen ‚Digigraphien‘, nach Schirners ‚Art-Direction‘ aufwendig und bis ins Kleinste neu geschaffen. Er entfernte dazu nämlich restlos den Handlungskern – Motiv, Form und Story – durch den das Ur-Foto ‚prominent‘ geworden war. Der so entstandene Leerraum wird digital mit Leere ‚ausgemalt‘. So konnte zum Beispiel aus einem dokumentarischen Bild der alliierten Landung in der Normandie ein unbehaglich anmutendes, diffus ‚leeres‘ Seestück werden.

Schirner will aus einem Pressefoto ein ‚digigraphisches‘ Gemälde schaffen, dessen Inhalt zu Form gerinnt, dessen Unsichtbares sichtbar wird um so „abstrakte Bilder zu erschaffen, die die Schönheit der Leere, der Absenz, der Stille, der Weite und des Verschwindens zeigen und die formalästhetische Qualitäten sehr guter Bilder haben.“ (O-Ton Schirner)

Die Mechanik seines Konzeptes erklärt der ‚KünstlerWerber‘ fast schon messianisch neutestamentarisch: „Meine Kunst ist nicht mein Werk. Sie sind der Schöpfer Ihrer Bilder in Ihrem Kopf. Mich gibt es gar nicht.“ Ähnlich wie das zu Sehende aus des Betrachters Imagination radiert wird, so tut es auch der Urheber des Nichtgezeigten. Der Künstler schafft sich ganz elegant selber ab, um hinter seinem Oeuvre zu verschwinden und überlässt die Konstruktionsarbeit seiner Kunst dem Betrachter. Ein Effekt, den auch das Publikum von Schirners werblichen Kreationen erlebt, und der unter anderem für die außergewöhnliche ‚Stickiness‘ der Werbebotschaften in der Erinnerung sorgt.

Auch interessant: DESIGNBOTE – Im Gespräch mit Prof. Roland Lambrette, Rektor der Hochschule für Künste in Bremen

Bildquellen:
mit freundlicher Genehmigung von Michael Schirner
VW Käfer: http://de.sz-iam.com/ervolkswagen/
Pfanni: http://de.sz-iam.com/panni-pfuffer/
IBM-Schreibmaschinen: http://de.sz-iam.com/liobe-sokretaerin/
Jägermeister: http://de.sz-iam.com/ich-auch/