Roxanne Brennen – ‚Dining Toys‘

Roxanne Brennen ist Absolventin der Design Academy Eindhoven 2017. Die Examensarbeit der jungen Frau aus Paris trägt den augenzwinkernden Titel: ‚Dining Toys‘.

Roxanne Brennen

„Erfahrungen gehören zu unserem täglichen Leben. Ob sie alltäglich oder gelegentlich sind, sie prägen unser Leben und unsere Art zu sein. Die Möglichkeit zu geben, solche gemeinsamen Ereignisse zu erleben oder solche zu schaffen, die untypisch sind, eröffnet den Blick und die Gedanken über das, was uns umgibt.“ Roxanne Brennen

Essen ist der Sex des Alltags …

Manche vergleichen das Vergnügen am Essen mit der Freude an der Sexualität. Schließlich sind die sinnlichen Qualitäten eines saftigen Steaks oder einer süßen Leckerei nicht zu leugnen. Aber halten uns vielleicht nur unsere verfeinerten Tischmanieren davon ab, die urtümliche Freude am Essen völlig auszukosten?

Verspielte ‚Dining Toys‘ in sinnlichen Formen und Farben sind inspiriert von einer der Sexualität entlehnten Vorstellungswelt. Sie ermutigen ihre Nutzer, Speisen innovativ zu servieren und zu genießen. Sie sollen helfen, Essen als lustvolles Erlebnis wiederzuentdecken.

Roxanne Brennen ist sich sicher: Unser Gehirn reagiert auf sexuelle Lust und auf den Spaß am Essen sehr ähnlich. Im Vergnügungsviertel unseres Gehirns fangen die Neonreklamen an zu flackern und zu jedem Unsinn bereite Endorphine schwärmen aus. Sexualität und Essen gehören nun mal zu den menschlichen Primärbedürfnissen und -instinkten. Als solche werden sie einerseits von den Sinnen beeinflusst, aber auch von Erfahrungen, die durch als lustvoll empfundenen Kontrollverlust, die Lust am Entdecken und am Experimentieren noch verstärkt werden.

Allerdings haben die westlichen Zivilisationen dem Vorgang der Nahrungsaufnahme durch Etikette und Tischmanieren Zügel angelegt. Auch das Geschirr zieht scharfe Grenzen des Schicklichen und bringt diese formal zum Ausdruck. Unser Verhalten bei Tisch – wie wir essen, was wir essen und wann wir es zu essen haben, die Art wie wir das Besteck handhaben und der soziale Umgang bei Tisch unterliegen recht strengen Regeln.

Glaubt man der französisch-US-amerikanischen Designerin Roxanne Brennen, dann sind Schalen, Teller, Gläser und Besteck die Werkzeuge, die zusammen und in Einklang mit diesem Verhaltenskodex geschaffen wurden. Roxanne ist aber auch überzeugt, dass sich das Esserlebnis wie auch die sinnliche Rückkopplung auf das Essen noch verstärken ließen, wenn wir die Zügel etwas lockerer halten würden. Geschmack, Duft, Konsistenz und sogar der Klang von Speisen ließen sich wesentlich tiefer und intensiver erleben und entdecken. Deshalb entwarf sie erotisch inspiriertes, verspieltes und sinnliches Geschirr – eine Serie frivol anmutender ‚Spielzeuge‘, mit denen ein anderes, sinnlicheres Speisen möglich werden soll. Ihre ‚Dining Toys‘ sollen die spielerische Lust am Entdecken zurückbringen und die Selbstbeherrschung so weit lockern, dass wir die Handlung der Speisenaufnahme wieder lustvoll erleben können. Zu dem, was da so wunderbar ‚kinky‘ klingt, haben wir die Designerin befragt.

DESIGNBOTE Redakteur Wolfgang Linneweber sprach mit Roxanne Brennen

Roxanne, was hat Sie zu diesem Projekt inspiriert? Wie sind Sie auf die Idee mit der sinnlichen Küche gekommen?

„Ich komme aus Frankreich, wo das Essen eine sehr wichtige Sache ist! Ich erinnere mich daran, wie gerne ich als Kind an den Mahlzeiten teilgenommen habe, die meine Mutter zu Hause mit Freunden hatte. Wir alle saßen stundenlang bei Tisch und aßen, tranken und unterhielten uns angeregt. Es war ein richtiges soziales Ritual, das sich komplett ums Essen drehte. Es dauerte so lange, dass ich, wenn ich müde wurde, meinen Teddybär (der damals doppelt so groß war als ich) nahm und mich unter den Tisch gelegt hatte. Oh, wie ich diese Abendessen geliebt hatte! Und als ich erwachsen wurde, fing ich an, genau so mit meinen Freunden zu essen. Als ich in die Niederlande umzog, war ich von der Einstellung der Menschen zum Essen sehr irritiert. Für mich fühlte es sich an, als würden viele nur essen, weil es eine Notwendigkeit, aber kein Vergnügen war. Es wirkte eher sachlich und schien kein Ritual zu sein. Ich glaube, dass genau das der Anlass war, mich damit zu beschäftigen, wie wir essen. Das Konzept der sinnlichen Küche begann Form anzunehmen, als ich anfing die Reaktion unseres Gehirns auf den Akt des Essens zu erforschen. Da wurde mir bewusst, dass es ähnlich reagiert wie wenn wir Sex haben: Das Lustzentrum unseres Gehirns wird aktiviert und setzt Endorphine frei.“

„Storytelling ist eine Kommunikationsform auf einer persönlichen Ebene. Es erschließt ein tieferes Verständnis von Situationen oder Menschen und erlaubt uns, uns emotional einzufühlen. So baut Storytelling Brücken zwischen verschiedenen Welten, die sonst nicht immer miteinander verbunden sind.“ Roxanne Brennen

Die Niederlande sind nicht gerade als kulinarischer Hotspot berühmt. Könnte man Ihre Essgeräte als eine Art therapeutischen Ansatz für das Land ‚van Friet en Mayonnaise‘ betrachten?

„Haha! Wie schon gesagt: Meine Ess-Toys bringen die Menschen dazu langsamer zu essen. Die Menschen werden aufmerksamer und nehmen sich Zeit, zu verstehen, wie sie sich fühlen, wenn sie das Essen schmecken. Vielleicht könnte man es also als therapeutischen Ansatz sehen, aber ich sollte vielleicht zuerst mit einem Experten darüber sprechen, bevor ich das bestätige!“

Auf Ihrer Website habe ich gelesen:‘ Storytelling and Experience Design‘. Wie beeinflussen diese Aspekte Ihre Arbeit? Lassen Sie mich raten: Sie sind sehr kommunikativ und abenteuerlustig…; 8)

„Ich würde tatsächlich gerne antworten: „Ja! Ich bin sehr abenteuerlustig und kommunikativ“. Aber der kommunikative Teil ist vielleicht gar nicht meine größte Stärke! Ich glaube aber, dass genau dass der Grund ist, warum ich Design einsetze, um Geschichten zu erzählen. Ich denke, viele Menschen und Events haben Geschichten zu erzählen und genau darum geht es doch. Und wie bei meinen sozialen Skills werden einige dieser Geschichten nicht der Welt erzählt. Design bietet die Möglichkeit, auf kreative Weise Stories zu kommunizieren, die je nach Medium gehört, gesehen, berührt, gefühlt oder mehr werden sollen.

Was den Erfahrungsaspekt betrifft, den ich mit dem Storytelling verknüpfen möchte: Ich habe mich immer für die Alltagserfahrungen interessiert, die wir machen und nie hinterfragen. Was wäre, wenn es noch andere Möglichkeiten gäbe, als das was man sieht? Was wäre, wenn wir sie noch viel besser erleben könnten?

Im Grunde genommen möchte ich mit Design einfach anderen zeigen, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, als das, was offensichtlich ist. Lassen wie sie es erleben. Dann werden sie sich bewusst, dass es auch anders geht und sie können selbst entscheiden. Es geht darum die Welt zu öffnen. Ich weiß, dass die Welt groß ist, aber manchmal ist sie einfach so groß, dass wir zu viel davon aus unserem Alltag ausschließen.“

Was ist Ihr persönlicher Zugang zu Lebensmitteln? Kochen Sie selbst? Haben Sie ein Lieblingsgericht?

„Ich liebe Essen! Nicht nur wegen des Geschmackes, den Farben, Gerüchen und Texturen, sondern wegen dem, was es über Kulturen und Menschen aussagt. In gewisser Weise ist es selbst schon ein Geschichtenerzähler.

Ja, ich koche und tue es sehr gerne. Ich koche eigentlich nie nach Rezepten, sondern nach Gefühl. Aber ich koche nicht so gerne nur für mich selbst. Es macht mir dann weniger Spaß. Aber ich koche gerne für mehrere Gäste und zelebriere es dann richtig.

Wenn ich Lieblingsgerichte auswählen müsste, dann wären das Pasta Carbonara und Reis mit Schweinefleisch und Ananas. Klar sind das zwei ganz unterschiedliche Gerichte. Aber ich wähle sie auch eher wegen der Erinnerungen, die ich an sie habe, als wegen des Geschmackes (obwohl sie sehr lecker schmecken!). Es waren meine Lieblingsgerichte als Kind und mein Vater kochte sie irre gut. Mir sind sie nie so gut gelungen. Meine Mutter kocht dafür den Reis mit Schweinefleisch und Ananas ziemlich gut!“

Ihre Werkzeuge sind aus farbig glasierter Keramik gefertigt. Hatten Sie einen relevanten beruflichen Hintergrund oder haben Sie sich speziell für das Projekt die Fähigkeiten angeeignet?

„Ich hatte keinen Hintergrund im Bereich Keramik. Also musste ich für das Projekt viel darüber lernen. Ich habe eine Menge durch Trial and Error gelernt.“

Keramikbesteck, zumindest wenn es nicht aus sehr glattem Porzellan besteht, finde ich im Mund unangenehm. Könnten Sie sich passendes Besteck aus Metall oder einem geeigneten weichen Material vorstellen?

„Durchaus! Ich habe viel darüber nachgedacht, bevor ich mit den Toys angefangen habe, mich aber zunächst für Keramik entschieden, damit die Nutzer es mit dem Geschirr in Verbindung bringen können. Der nächste Schritt wird etwas anders sein und ein zusätzliches Material beinhalten.“

Wie können wir uns den Prozess der Formfindung vorstellen? Auch Trial and Error?  

„Jede Menge Inspiration in der Natur und sinnliche Bilder. Die meisten Toys sind Handarbeit, so dass ich die Form und ihren Bezug zum Körper spüren konnte. Natürlich gab es eine Menge Trial and Error, wie es sich für einen Gestaltungsprozess gehört. Während ich noch lernte, wie man den Ton bearbeiten konnte, hatte ich schon einen großen Teil meiner Stücke zerbrochen, bevor sie überhaupt gebrannt werden konnten. Also anfangs gab es viel Frustration und ’stille, heimliche Tränen‘. All das hat sich dann aber in eine Art Zen-Einstellung verwandelt. Wenn also wieder etwas kaputt ging, dann hieß das nur, dass ich es anders machen und wieder von vorne anfangen musste.“

Wurden Sie mit produktions- oder lebensmitteltechnischen Fragen konfrontiert?

„Ehrlich gesagt, zum ersten Mal vor einer Woche. Diese Fragen stellen sich erst jetzt. Und das ist genau der richtige Zeitpunkt, um über die Entwicklung des Projekts nachzudenken und den nächsten Schritt zu tun.“

Haben Sie Ihr Geschirr einem Praxistest mit Testpersonen und echtem Essen  unterzogen? Ich stelle mir ein solches Dinner zwar sinnlich, aber auch etwas schmutzig vor.

„Ich hatte drei verschiedene Dinner mit verschiedenen Leuten. Das war sehr interessant, weil jeder das Geschirr anders benutzt hatte. Ich denke, die Dining Toys lassen sich sehr unterschiedlich einsetzen. Die Reaktionen und das Verhalten hängen eben auch von den Menschen ab, die da gemeinsam essen. Das ist einer der Aspekte des Projekts, die mir am besten gefallen. Das Geschirr kann für Leute verwendet werden, die gerne ihre Teller im Restaurant ablecken würden aber auch zu einem sehr intimen Esswerkzeug werden falls jemand Lust darauf haben sollte.“

Können einzelnen „Werkzeugen“ bestimmte Lebensmittel, Zubereitungsformen und Konsistenzen zugeordnet werden?

„Einer der nächsten Schritte bei diesem Projekt ist die Zusammenarbeit mit einem Koch. Weil Rezepte und Toys parallel entstehen, ist gewährleistet dass verschiedene Toys entstehen, die für verschiedene Lebensmittel verwendet werden können. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass ich das Essen nicht direkt auf einem bestimmten Spielzeug servieren möchte. Das Konzept ist ja, dass die Menschen entdecken, wie sie sich instinktiv fühlen, wenn sie das Essen probieren wollen. Deshalb sollen sie erst auswählen, was sie essen wollen und dann die Toys, die sie dabei benutzen möchten.“

Sehen Sie die Einsatzbereiche Ihrer Toys eher im privaten Haushalt oder in der Gastronomie?

„Ich glaube, dass das Projekt erst einmal zu einem Gesamterlebnis werden sollte. Ich habe mit dem Geschirr angefangen, aber auch die Tische und die Portionen bestimmen ja, wie wir uns verhalten sollen. Dies ist auch ein Teil des Erlebnisses und des nächsten Schrittes für das Projekt. Ich sähe das Geschirr am liebsten in der Spitzengastronomie wo ein beeindruckendes Geschmackserlebnis erwartet wird aber das Geschirr die Instinkte total einschränkt. Warum sollte man nicht das Erlebnis so intensiv wie möglich erleben?! Sobald es soweit ist, würde ich gerne eine Produktlinie für Privathaushalte schaffen, dann aber eine andere Linie gestalten. Ein Haushalt hat eben ganz andere Aspekte und Regeln und dem passt sich die entsprechende Linie von Dining Toys dann an.“

‚Dining Tools‘ von Rosenthal … Gab es schon Interesse aus der Keramikindustrie? Denken Sie an Serienfertigung?

„Das Interesse der Keramikindustrie ist erwacht und ich denke jetzt viel über die Produktion nach. Weil einige meiner Stücke sehr dünnwandig sind, werden die Menschen mit diesen Toys zarter und vorsichtiger umgehen als mit den anderen. Bei einer Serienproduktion wird es nicht möglich sein, so zarte Teile zu bekommen. Ich glaube, meine Wahl hängt vom Einsatzbereich ab.“

Was sind Ihre nächsten Projekte? Was wird Roxanne Brennen in fünf Jahren tun?

„Ideen sind nicht das Problem. Es gibt jede Menge an denen ich arbeiten möchte. Aber im Moment möchte ich weiter an diesem Projekt arbeiten. Ich glaube, es kann noch viel weiter gehen und ist in meinen Augen noch längst nicht abgeschlossen! Aber wenn Sie wissen wollen, woran ich als nächstes arbeiten möchte, dann kann ich Ihnen einen Tipp geben. Es geht immer noch um Keramik und ist inspiriert von der Kunst der griechischen Inselgruppe der Kykladen. Das ist alles, was ich im Moment sagen werde. Sobald es ‚en route‘ ist, werde ich es Sie wissen lassen!“

Was isst Roxanne heute Abend?

„Ich bin im Moment in Griechenland und werde draußen speisen! Eines der Gerichte, die ich hier so mag, sind ‚Kolokithokekeftedes‘ (κολοκυθοκεφτέδες/ eine Art Zucchini-Reibekuchen) neben vielen anderen unglaublichen Gerichten! Ich bin mir sicher, dass ich das bestellen werde. Den Rest des Abendessens muss ich mir noch überlegen.“

https://www.roxannebrennen.com/dining-toys

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

https://theculturetrip.com/europe/the-netherlands/articles/sensual-dinnerware-takes-the-pleasure-of-eating-very-seriously/

 

Danke sehr Roxanne, dass Sie Zeit für uns hatten