„Gotham ist mehr als ein Stil”

Friedrich Althausen über Markenschriften, Variable Fonts und KI

Monotype Gotham Variable 25 Jahre - Friedrich Althausen

© Monotype | Friedrich Althausen, Creative Type Director bei Monotype in Berlin

Mit Gotham Variable hat Monotype seinem 25 Jahre alten Designklassiker eine technologische Generalüberholung verpasst. Im Gespräch ordnet Friedrich Althausen, Creative Type Director bei Monotype in Berlin, ein, warum Gotham weiterhin trägt – und welche Rolle KI in der Typografie spielt.

Warum ist Gotham mehr als ein typografischer Stil?

Für Althausen ist Gotham mehr als eine Schrift im klassischen Sinn. „Gotham ist mehr als ein Stil – sie ist eine visuelle Haltung”, erklärt er. Ihre Formsprache stammt aus der amerikanischen Beschilderung des 20. Jahrhunderts: sachlich, geometrisch, zugänglich.

Der Name verweist auf den Spitznamen New Yorks und transportiert nach Althausens Lesart die Werte einer europäisch geprägten US-Metropole: Offenheit, Lebensfreude, Kreativität und Führungsanspruch. Diese Wurzeln verleihen Gotham eine Authentizität, die sich nicht über kurzfristige Trends erschöpft.

Was macht Gotham für Marken so erfolgreich?

Aus Markensicht biete Gotham eine ausgewogene Tonalität zwischen Nähe und Selbstbewusstsein – ergänzt durch eine außergewöhnlich hohe gestalterische und technische Qualität. Genau das sei ein entscheidender Faktor für konsistente Markenführung über alle Kanäle hinweg.

Mit dem aktuellen Update sei der Designraum nochmals erweitert worden. Neben zahlreichen neuen Zwischenschnitten kommt mit Vietnamesisch ein weiterer Zeichensatz hinzu – ergänzend zu Latein, Griechisch und Kyrillisch. Für global agierende Marken eine spürbare Erleichterung.

Für wen ist Gotham geeignet – und für wen nicht?

Empfehlenswert ist die Schrift laut Althausen vor allem für Marken aus dem Finanz-, Tech- oder öffentlichen Sektor, die Vertrauen und Klarheit kommunizieren wollen. Weniger geeignet sei sie für Marken, die sich stark über typografische Eigenwilligkeit differenzieren.

Wann wird eine ikonische Schrift zur Einschränkung?

Eine ikonische Schrift schaffe sofortige Wiedererkennbarkeit und „lade Vertrauen vor”, wie Althausen sagt. Das reduziere kommunikative Reibung, gerade in komplexen Markenökosystemen im DACH-Raum.

Sie könne aber zur Einschränkung werden, wenn sie zu stark konnotiert ist und eigene Bedeutungen mitbringt. „Dann kann sie Markenbotschaften überlagern.” Der Sprung zur Variable Font adressiere genau dieses Spannungsfeld: Marken wachsen innerhalb eines konsistenten Systems, ohne in starren Schnitten gefangen zu bleiben.

Wie verändert KI den Umgang mit Typografie?

Auf die Rolle Künstlicher Intelligenz angesprochen, betont Althausen die strukturelle Wirkung. Marken und Agenturen müssten mehr Touchpoints in immer kürzerer Zeit bespielen – das erfordere robuste Markenschriften als Basis.

„Die Superpower von Markenschriften sind Wiedererkennung und Konsistenz”, so Althausen. Während das im Branding zentral sei, stelle es generative KI vor Herausforderungen. Typografie biete damit Verlässlichkeit in einer sich rasant verändernden Welt.

Ersetzt KI die Schriftgestaltung – oder erweitert sie sie nur?

Die eigentliche Schriftgestaltung bleibe ein hochspezialisierter, kulturell geprägter Prozess mit höchsten Qualitätsansprüchen. „KI erweitert hier eher den Werkzeugkasten, ersetzt aber weder die gestalterischen Entscheidungen noch die technische Finalisierung”, fasst Althausen zusammen.

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