Gestaltgesetze beschreiben, nach welchen Regeln das menschliche Wahrnehmungssystem einzelne Elemente zu Gruppen, Formen und Ganzheiten zusammenfasst. Sie gehen auf die Gestaltpsychologie zurück, die in den 1910er und 1920er Jahren vor allem durch Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka an der Berliner Schule begründet wurde. Ihre zentrale Einsicht lautet, dass das Ganze etwas anderes ist als die Summe seiner Teile, so die bekannte Formulierung von Kurt Koffka: Aus dem Zusammenspiel der Elemente entsteht eine neue Qualität. Das Auge sucht automatisch nach Ordnung, noch bevor bewusst über ein Bild nachgedacht wird.
Für Gestaltende sind die Gesetze ein praktisches Werkzeug, weil sie erklären, warum bestimmte Anordnungen verständlich wirken und andere chaotisch. Zu den bekanntesten zählt das Gesetz der Nähe: Elemente, die dicht beieinander stehen, werden als zusammengehörig gelesen. Das Gesetz der Ähnlichkeit besagt, dass gleiche oder ähnliche Elemente in Form, Farbe oder Größe als Gruppe wahrgenommen werden. Nach dem Gesetz der Geschlossenheit ergänzt das Gehirn unvollständige Konturen zu einer erkennbaren Form, was Logos mit bewusst offenen Linien möglich macht. Das Gesetz der guten Fortsetzung, auch Kontinuität genannt, lässt das Auge Linien und Bewegungen in ihrer Richtung weiterverfolgen.

Hinzu kommt das Figur-Grund-Prinzip, nach dem Bildbereiche entweder als Objekt im Vordergrund oder als Hintergrund gelesen werden. Wechselt diese Zuordnung, entstehen Kippbilder, die im Logodesign gezielt genutzt werden, etwa wenn der Negativraum eine zweite Form bildet. Übergeordnet steht das Gesetz der Prägnanz, auch Gesetz der guten Gestalt genannt: Mehrdeutige Reize werden bevorzugt in der einfachsten, regelmäßigsten und stabilsten Weise gedeutet. Nähe, Ähnlichkeit und Geschlossenheit sind Einzelfaktoren, über die dieses Grundprinzip wirkt. Erst in den 1990er Jahren ergänzte der Psychologe Stephen Palmer weitere Prinzipien wie den gemeinsamen Bereich, bei dem Elemente innerhalb einer gemeinsamen Fläche als Einheit gelten, und die Verbundenheit durch Linien oder Rahmen.
In der Praxis wirken die Gestaltgesetze in nahezu jedem Entwurf. Im Layout steuern Abstände zwischen Überschrift, Bild und Text, welche Inhalte als Einheit gelesen werden. In der Typografie sorgt konsistente Auszeichnung dafür, dass Hierarchien erkennbar bleiben. Im Interface-Design helfen Karten, Trennlinien und Abstände dabei, Bedienelemente sinnvoll zu gruppieren, ohne dass Beschriftungen dies erklären müssen. Auch Icons und Piktogramme funktionieren häufig nur, weil das Gehirn fehlende Linien ergänzt.
Wichtig ist der Blick auf die Grenzen. Gestaltgesetze sind Beschreibungen typischer Wahrnehmungstendenzen, keine starren Naturgesetze, und ihre Wirkung hängt von Kontext, Vorerfahrung und erlernten Sehgewohnheiten ab, etwa der Leserichtung. Oft widersprechen sich mehrere Prinzipien: Zwei Elemente können durch Nähe zusammengehören, durch unterschiedliche Farben aber getrennt wirken. Gute Gestaltung entscheidet bewusst, welches Prinzip Vorrang haben soll, und prüft das Ergebnis am besten mit Menschen, die den Entwurf zum ersten Mal sehen.
Wer die Gestaltgesetze kennt, kann Entwürfe systematisch verbessern: überfrachtete Layouts entzerren, Gruppen klar bilden und Blickführung planen, statt sich allein auf das Gefühl zu verlassen.
Besonders anschaulich wird die Wirkung der Gesetze bei Logos und Piktogrammen. Das bekannte Beispiel eines Logos, bei dem ein Pfeil im Zwischenraum zweier Buchstaben entsteht, nutzt das Figur-Grund-Prinzip. Andere Zeichen bestehen aus wenigen Segmenten, die das Auge nach dem Gesetz der Geschlossenheit zu einem Tier oder Symbol ergänzt. Auch Rasterlayouts, Tabellen und Formulare profitieren: Gruppen von Feldern, die eng beieinanderstehen und einheitlich gestaltet sind, werden als zusammengehörig verstanden, und Abstände zwischen den Gruppen markieren sinnvolle Pausen. Wer Entwürfe mit zusammengekniffenen Augen betrachtet, erkennt oft sofort, welche Gruppierungen die Gestaltgesetze nahelegen und ob sie der gewünschten Hierarchie entsprechen.