Zwei Brüder machen Blau

Zwei Brüder machen Blau

Es heißt ja, dass die Niederlande gut in Denim sind. Große Marken aus dem Land der Polder und Deiche wie G-Star, Denham, Scotch & Soda und Kuyichi spielen international schließlich ganz weit vorne mit. Sogar die US- Marke Tommy Hilfiger, auch big in Denim, residiert an Amsterdams Grachten.

Aber auch in Chèvremont im tiefen Süden der Niederlande halten die Zwillingsbrüder Grivec die Denim-Fahne hoch. Schon von Kindesbeinen an sind sie mit dem blauen Zwirn vertraut, der bis heute ein modischer Dauerbrenner ist.
Ihre Großeltern, 1948 aus Slowenien eingewandert, hatten sich Chèvremont, einem Vorort von Kerkrade niedergelassen, wo ihr Opa Arbeit in in der örtlichen Zeche fand. Auch zwei seiner Söhne schufteten in der Zeche, ein dritter Sohn wurde Lastwagenfahrer. Er hatte sich mit dem Verkauf blauer Arbeitshosen an die Bergleute was dazu verdient und konnte 1976 in Kerkrade seinen eigenen Jeans-Laden aufmachen. Für Marcel und Roger war das Labyrinth der Regale mit dem blauen Stoff das Paradies ihrer Kindheit. Seit sie 1989 – mit gerade mal 18 Jahren – den ‚Jeans Paleis‘ von den Eltern übernommen hatten, ließ sie eine fixe Idee nicht mehr los: „Wenn man schon ein Produkt verkauft, das mit dem Alter immer schöner wird, dann ist der Reparaturservice nur ein logischer Schritt. Und damit fingen wir auch an über ein Paar eigene Dry Denim-Jeans nachzudenken.“
Ein guter Freund des Hauses, der Maastrichter Grafiker Boy Bastiaens zeichnete für das CI verantwortlich. Der Experte für Brand-Design, der unter anderem auch renommierte internationale Jeans-Marken berät, kombinierte den Namen der Jeansexperten mit deren Ursprungsort: Grivec Bros. Chèvremont. Wir sprachen mit den Machern über ein Produkt das die Tugenden der praktisch unkaputtbaren Ur-Jeans aus Goldgräbertagen in die Gegenwart transportiert und nahmen eine Nachhilfestunde in Sachen Nachhaltigkeit.

Unverwechselbar durch Details

Der antike Maschinenpark liest sich wie ein Industriemuseum:
1 Pfaff 138-6 (40’s), 2 Singer 47W70 (50’s), 1 Union Special 43200G (40’s), 1 Union
Special 43200G Chainstitch (80’s), 1 Dürkopp 212-105 (70’s) 1 Dürkopp 380-585
(70’s) among other sewing machines.

Der Reparaturservice – eine Wissenschaft für sich – ist ein Dauerbrenner, er wird immer noch angeboten.
http://shop.grivecbros.com/wp-content/uploads/2016/02/grivec_repair.pdf

Interview

Was ist Eure Philosophie?
„Alles was mit Denim zu tun hat, hat uns schon seit Kindertagen fasziniert. Was Fit und Stoffe betrifft, haben wir in 25 Jahren im Jeansladen eine Menge Fähigkeiten und Wissen erworben. Durch das Reparieren bekamen wir tiefe Einblicke in die Konstruktion von Jeans. Das war ein bisschen so wie bei einem Automechaniker in der Werkstatt.“

Und fast scheint es, als ob die Brüder sehr japanische Vorstellungen von Qualität und einer Schönheit des Benutzten verwirklichen würden:
Ja, das Stopfen erlaubt zum Beispiel eine sehr subtile Wirkung und eine weniger auffällige Reparatur. Der etwas sichtbarere Flicken wird von Links als Verstärkung eingenäht. Aber wir machen auch die japanische Boro-Reparatur. Eine uralte japanische Kunst des Ausbesserns von Textilien. Wörtlich übersetzt heißt ‚boro‘ so viel wie „Lumpen‘ oder ‚Fetzen‘. Bei dieser bewusst auffälligen Reparaturmethode unterbricht der vorder- und rückwärtige vernähte Flicken das Indigo und bringt deutlich mehr Textur in die Reparaturstelle.
Wir freuen uns, dass viele Leute ihre Sachen länger tragen, was zur Gesundheit unseres Planeten beiträgt. In Schweden, einem der fortschrittlichsten Länder, gibt es Steuererleichterungen für Reparaturen von Fahrrädern bis hin zu Waschmaschinen. Es wäre doch toll, wenn mehr Länder dieser Denkweise folgen würden.

Welche Punkte waren für Euch wichtig beim Design? Tradition versus Innovation? Oder verbergen sich unter dem klassischen Look auch Features, die in die Zukunft weisen?
Anlässlich unserer Teilnahme bei SHOWROOM LIMBURG, schrieb der Journalist Volkskrant Jeroen Junte von Der Volkskrant: “ Jeroen Junte von der renommierten Tageszeitung ‘De Volkskrant’ schrieb: “Die Welt von Jeans und Denim ist konservativ. Für Jeansträger ist das Markenerlebnis wichtiger als innovatives Design. The Grivec Bros. spielen diese Einschränkung indem sie ihre Marke mit authentisch Limburgischen Details anreichern, dabei aber perfekt an die klassisch amerikanische Denim-Tradition anknüpfen.“ Wir finden, seine Zeilen bringen unsere Haltung sehr gut auf den Punkt.

In welchen typischen Features unterscheiden sich Eure beiden Jeans-Modelle Cool Pete und Hower?
Der Sitz, die Silhouette, die Konstruktionsdetails und der Einsatz von hochwertigem, japanischem Denim. Was den Sitz und die Stoffe betrifft, haben wir unsere Fertigkeiten und unser Knowhow in über 25 Jahren im Jeanshandel erworben. Und natürlich aheben wir auch eine Menge durch das Reparieren gelernt.
Man könnte sagen, dass Cool Pete und Hower genau die Jeans sind, die wir selbst immer besitzen wollten, die aber nirgendwo zu kriegen waren.
Man erkennt eine Grivec. Bros-Jeans sofort an dem a second by ’single line triangle’ Stich auf der Gesäßtasche und dem Design des Etiketts aus Narbenleder.
Wir wollten einen sehr runtergestrippten, minimalistische, typischen Stich, der nicht nur super aussieht, sondern auch irgendwie smart wirkt.
Auf den ersten Blick sieht die Arschtaschen-Stickerei einer Grivec Bros. – Jeans sehr einfach aus. Wer genauer hinschaut, bemerkt dass der obere Teil des Dreiecks gleichzeitig auch den Doppelsaum des Tascheneingriffs bildet.

Träume sind Säume

Ihr verpackt Eure Jeans in einem typischen karierten Grubentuch… Gibt’s die Tücher auch lose?
Das Grubentuch ist eines der Beispiele, wie wir unser Produkt um authentisch Limburgische Detail anreichern. Früher wurde es benutzt um darin sch´mutzige Arbeitsklamotten der Bergleute zu verpacken. Das Bündel wurde mit einer Sicherheitsnadel mit dem Namen des Arbeiters verschlossen bevor es zur bergwerkseigenen Wäscherei geschickt wurde. Das war ein ebenso einfacher wie effektive Art die verschiedenen Kleidungsstücke auseinander zu halten.
Das Niederländische Textilmuseum konnte sogar exakte Repliken der originalen Grubentücher für uns anfertigen.

Ihr lasst Euren Denim in Japan weben und färben? Warum?
Japanischer Denim wird immer noch auf Schiffchen-Webmaschinen hergestellt. Als in den Sechzigern – als Effekt von Woodstock und Millionen von Hippies Jeans und Jackets der neue Dress-Code der Jugendliche wurden, verschwanden diese uralten Maschinen aus den USA. Die Denim-Hersteller der USA ersetzten ihre Schiffchenwebstühle gegen moderne Projektilwebstühle (bei denen die ‚Schützen‘ stabiler ausgeführt sind) um damit den Denim schneller und günstiger herstellen zu können.
Viele dieser Schiffchen-Webstühle wurden von japanischen Firmen wie Kaihara and
Kurabo aufgekauft, die die alte amerikanische Tradition der Denim-Herstellung immer noch lebendig halten. Die Herstellung von japanischem Denim ist arbeitsintensiv und dauert länger. Trotzdem ist das Geweber dichter und die Indigofärbung intensiver. Das Ergebnis bekommt eine reiche, schöne Patina und wird sogar noch schöner, je länger das Kleidungsstück eingetragen wurde.

Verarbeitet Ihr Bio-Baumwolle?
Noch nicht.

Eure Jeans sind authentisch bis in die Details. Eine charmante historische Reminiszenz: Die Kupferknöpfe des Hosenstalls erinnern an die Zeit der Materialknappheit nach dem Krieg, als importierte US-Jeans mit diesen Knöpfen aus Militärbeständen ausgestattet waren. Ich hatte diese Knöpfe in den frühen Sixties an meiner allerersten ‚Dollar Brand‘ Kinderjeans. Wo kriegt Ihr denn die 13 Star-Knöpfe noch her?
Der kupferne 13 Star-Knopf ist speziell für uns angefertigt worden. Wir hatten ihn bei den Recherchen für unsere Jeans gefunden. Wie du weißt, sind unsere Jeans ein Tribut an die weniger bekannten Klassiker. Es wurde schon wahnsinnig viel über ‚The Big Three‘ geschrieben: Levi’s, Lee und Wrangler… und das auch zu recht! Aber wer sich die Geschichte der Blue Jeans genauer ansieht. Merkt dass da noch viel mehr passiert ist. Zum Beispiel die U.S.-Mailorder-Kleidung. Sie war praktisch, bequem, leicht verfügbar und preiswert. In ihren ersten Vierzig Jahren waren die Farmer die Hauptzielgruppe. Man hatte Latzhosen, Overalls und Western-Jeans, aber auch Produkte wie Küchenspülen, Sägen, Stacheldraht, Klaviere und Küchenherde im Angebot. Fimen wie Sears & Roebuck und Montgommery Ward boten Ratenzahlung an und die waren konnten aus reich illustrierten Katalogen ausgesucht werden, die man auch in entlegene ländliche Regionen schicken konnte.

Makellos – auch auf Links!

Anfangs wurden auch die großen Marken angeboten, die aber irgendwann von Hausmarken abgelöst wurden. Wegen der Patentrechte mussten diese Hausmarken aber anders aussehen. Deshalb mussten die Hausmarken wie Titan oder Pow-R-House und viele andere eigene Stile und Markendetails für ihre Arbeits-Denims entwickeln.

Gibt es eigentlich noch Kunden, die mit ihrer neuen Jeans in der Badewanne sitzen?
Nein. Man muss sie eintragen. Damit bekommen Deine Jeans ihre Unverwechselbarkeit und sehen völlig anders aus als irgendein anderes Exemplar der selben Marke.

Und warum gibt es bei Grivec nur Dry Denim?
Das Problem bei bearbeiteten Jeans ist, dass sie künstlich behandelt werden um sie getragen wirken zu lassen. Dabei sehen sie aber alle gleich aus.

Wieso und wie verarbeitet Ihr Euren Selvedge-Denim? Welche Funktion hat die gekettelte Webkante bei der Konstruktion? Ihr sogar Euren hauseigenen roten Faden eingewebt!
Die japanischen Shuttle-Webstühle erzeugen dicht gewebte Bahnen schweren Gewebes von normalerweise einem Yard (0,914 m) Breite. Die Kanten dieser Gewebebahnen haben dicht gewobene Bänder entlang beiden Seiten, die ein Ausfransen oder Kräuseln verhindern. Weil die Kanten fertig aus dem Webstuhl kommen, nennt man solchen Denim auch ’self edged‘ – selbst gesäumt.

Warum lasst Ihr in Portugal nähen?
Für uns ist sehr wichtig, dass unsere Stoffe unter fairen Arbeitsbedingungen entstehen. Deshalb sind wir nicht nach China gegangen um uns über die Möglichkeiten einer Sweatshop-Produktion zu informieren, nur um besonders billig einzukaufen.

Ihr bietet online zwei Jeans-Styles und zwei Gürtel an. Dürfen sich Grivec-Fans bald auf weitere Produkte freuen? Ein Jacket wäre nicht schlecht.
Na klar. Es sind eine Menge neuer Sachen in der Pipeline. Im Moment arbeiten wir an Prototypen von sehr schönen T-Shirts und Sweatern, die schon bald im Shop stehen werden. Genau wie unsere dritte Jeans und eine Chino.
Und eine ganze Reihe anderer Sachen haben wir grade auf dem Zeichenbrett…

Habt Ihr außer dem Onlineshop noch andere Verkaufskanäle?
Bald werden Grivec Bros.- Produkte in weiteren Läden verfügbar sein. Aber nicht zu viele, weil wir ja nicht zu groß werden wollen. Im Moment sprechen wir mit ein paar internationalen Einzelhändlern.

Wo kriegt man Eure Denim Cap?
Die gibt es in unserem Onlineshop.

Der Denimexperte Tim Browne von ‚Blue Collar Worker‘ wurde bei Euch gesehen. Was habt Ihr vor?
Tim Brown ist ein enger Freund von uns, ein gelernter Schneider. Tim unterstützt uns bei der Umsetzung unserer Stilideen in Schnitte für die Produktion.

‚Cool Pete‘

Grivec Bros. Jeans im CUBE Design-Museum

CUBE ist das erste Museum der Niederlande das sich zu 100% dem Design widmet. Die aktuelle Ausstellung ‚Showroom Limburg‘ – zeigt fünfzig Gestaltungslösungen, mit denen sich die Provinz Limburg als europäische Kreativregion beweist. Vertreten sind sowohl Arbeiten von jungen Newcomern wie auch von etablierten Exponenten des ‚Dutch Design‘ wie Ted Noten und Jeroen Wand.
In der Show sind auch die Grivec Bros. mit ihren Jeans vertreten.
Jeroen Junte von der renommierten Tageszeitung ‘De Volkskrant’ schrieb: “Die Welt von Jeans und Denim ist konservativ. Für Jeansträger ist das Markenerlebnis wichtiger als innovatives Design. The Grivec Bros. spielen diese Einschränkung indem sie ihre Marke mit authentisch Limburgischen Details anreichern, dabei aber perfekt an die klassisch amerikanische Denim-Tradition anknüpfen.“

Der Maschinenpark- Ein Industriemuseum

‚Showroom Limburg‘ – noch bis 7. Mai 2017

Dienstags bis sonntags 10.00 – 17.00 Uhr
Museumplein 2, Kerkrade / NL
http://www.cubedesignmuseum.nl/de

http://www.grivecbros.com/
http://www.kaihara-denim.com/english/

Das legendäre Grubentuch