Meriç Algün Ringborg, Doppelgänger, from Which no one will ever see, 2012 © Meriç Algün Ringborg, Photo: Serkan Tunç, Courtesy the artist and | Galerie Nordenhake Stockholm

„First of all, I know it’s all people like you. And that’s what’s so scary. Individually you don’t know what you’re doing collectively.” Dave Eggers, The Circle

Man hat sich längst dran gewöhnt, allenthalben auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden, im Öffentlichen Raum, in Amtsgebäuden als auch in Museen, Banken, Galerien und Geschäftsräumen. Die Kameras sind überall.
Fast hat man den Eindruck, die öffentliche Diskussion über die Rundum-Observation würde allmählich verebben, so abgestumpft ist man schon. Und angesichts abstrakter wie auch objektiv wahrnehmbarer Bedrohungen ertappt sich wohl schon manch einer dabei, dass er noch lückenlosere Überwachung herbeisehnt.

Aber auch von Algorithmen gesteuerte, auf unsere online offenbarten Wünsche maßgeschneiderte, ’sticky‘ Werbung, lästige Cookies, die staatliche Vorratsdatenspeicherung und private Daten in privaten Speicher-Clouds haben aus uns längst gläserne Nutzer werden lassen, denen die Kontrolle über ihre Daten entglitten ist. Wir nutzen Google Maps, gucken Live-Streams, optimieren unsere immer straffen Körper mit Health-Apps und nutzen immer mehr Optionen der Selbstoptimierung. Wir beobachten wir alle möglichen Lebensäußerungen von sogenannten ‚Freunden‘ auf Facebook, Twitter und Instagram, während uns die werbende Industrie und wahrscheinlich auch alle möglichen Dienste und Behörden Tag und Nacht auf den Fersen sind, um anhand der gewonnen Erkenntnisse ihr Instrumentarium immer weiter zu schärfen.

Trevor Paglen, NSA-Tapped Fiber Optic Cable Landing Site, Marseille, France 2015, © Trevor Paglen

Und doch hegen wir große Hoffnungen in die innovativen digitalen Technologien, machen unser Privates bereitwillig immer öffentlicher oder überlassen es anonymen Mächten bewusst oder unbewusst zur unkontrollierbaren politischen, medizinischen oder kommerziellen Nutzung. So wächst der Datenberg kontinuierlich und die zur intelligenten Verknüpfung bereitstehenden Big Data werden immer bigger und brisanter.

Um Überwachung zu verstehen, so sagen die Veranstalter von ‚Watched!‘, verdient der fotografische Aspekt eine eingehendere Betrachtung, weil doch unser aller Leben nie zuvor intensiver abgelichtet und visualisiert wurde. Dieser staatliche oder kommerzielle Voyeurismus stellt die Frage nach der Freiwilligkeit und wirft wie bei dieser Ausstellung, auch photographie-historische Fragestellungen auf.

Die Ausstellung ‚Watched! Surveillance, Art & Photography‘ belichtet die komplexen Kontexte der zeitgenössischen Überwachung mit Fokus auf Fotografie und visuelle Medien. Sie thematisiert die Technologien, wie sie von Staaten und Behörden genutzt werden – bis hin zu Observationsmethoden im Alltag, die inzwischen zum Beispiel via und mittels der Social Media unser Leben infiltriert haben.

Diese Ausstellung ‚Watched!‘ kreist um die zentrale Frage:
„Wie können zeitgenössische Kunst und Medientheorie zu einem besseren Verständnis unserer modernen Überwachungsgesellschaft beitragen?“
Können Sie das, und falls ja, was würde sich ändern?

Etwa 20 internationale Künstler kommentieren eben dieses Thema. Die Reaktionen umfassen künstlerische Haltungen wie die von Julian Röder, Viktoria Binschtok oder Esther Hovers denen international etablierte Künstlern wie Hito Steyerl, Trevor Paglen, Jill Magid, Hasan Elahi, Paolo Cirio, Adam Broomberg & Oliver Chanarin, James Bridle oder Ai Wei Wei gegenüber stehen und so den methodischen Horizont weiter ausdehnen. Mittels der bekannten Methoden wie Videoüberwachung, Gesichtserkennung, Google Street View, digitaler Selbstvermessung und virtueller Animation wird das bürgerliche Sicherheitsbedürfnis (immer mehr Kriminalisierung zeitigende) Überwachung künstlerisch sondiert. Alle gezeigten künstlerischen Kommentare münden in der zweiten drängenden Frage: „Wie können wir in einer Gesellschaft mit vielfältigen Überwachungsnetzwerken leben, ohne zu eben jenen Ungleichheiten beizutragen, die eine solche Überwachung schafft?“
Unterstützt von der Hasselblad Foundation, der Valand Academy, der Kunsthal Aarhus und C/O Berlin, wurde die Ausstellung von Louise Wolthers und Dragana Vujanovic (Hasselblad Foundation), Niclas Östlind (Valand Academy) und Ann-Christin Bertrand (C/O Berlin) kuratiert. Die Ausstellung ist ein Teil eines von der Hasselblad Foundation initiierten Projekts zu Überwachung, Kunst und Fotografie im Europa nach der Jahrhundertwende.

Ruben Pater, Drone Survival Guide, 2012 © Ruben Pater

Watched! Surveillance, Art & Photography, 2016, 296 Seiten, 38,-€.

Die begleitende Publikation aus der Verlagsbuchhandlung Walther König enthält Arbeiten von vierzig Künstlern und Aufsätze zahlreicher Wissenschaftler. Sie wurde jüngst vom Time Magazine in der Kategorie „Best Photobooks of 2016“ ausgezeichnet.
C/O Berlin und das Museum für Fotografie zeigen als Kooperation ab Februar 2017 drei inhaltlich aufeinander abgestimmte Ausstellungen zum Thema Überwachung und Fotografie mit aktuellen und historischen künstlerischen Positionen.

Schon seit Sommer 2016 wird im C/O Berlin das Thema Überwachung mit Experten aus verschiedenen Fachdisziplinen diskutiert. Die Diskussionsreihe wird am 18. Februar 2017 fortgesetzt und endet mit der Ausstellung ‚Watched! Surveillance Art & Photography im April 2017‘.

Quelle: Pressemitteilung C/O Berlin