Minihaus

100 € Wohnung *

Dass die Weltbevölkerung explodiert, wird achselzuckend hingenommen. Seit 2007 lebt mehr als die Hälfte der inzwischen 7,47 Milliarden Erdbewohner in Städten. Der städtische Raum wird zusehends knapper. Der Zustrom vom Land in die Städte indes ist ungebrochen. Im Umkreis der rasant wachsenden Metropolen wachsen allerorten auch die Zonen des improvisierten Bauens. Die grassierende Gentrifizierung macht Wohnraum auch in bislang bezahlbaren Lagen unerschwinglich.

Vor diesem Hintergrund haben die Initiatoren des Projektes des Bauhaus Archives/ Museum für Gestaltung in Berlin Mitte März 2017 eine rollende ‚100-Euro-Wohnung’* vorgestellt. Als erstes ‚tiny‘ Holzhaus des Projekts ‚Bauhaus Campus Berlin‘ bietet so ein Minihaus auf minimaler Grundfäche Raum zum Kochen und Duschen, Schlafen und Arbeiten.

Das Minihaus bzw. ‚Tiny House‘ ist inzwischen eine weltweite Bewegung, die als Small House- oder auch Tiny House-Movement weit mehr ist als nur ein neuer, hipper Wohntrend. Die oftmals mobilen Winzbehausungen stehen für eine gesellschaftliche Veränderung, die – wie weiland Sokrates in seinem Fass – die Philosophie des Minimalismus architektonisch verwirklicht und ein selbstgenügsames Leben in Miniaturhäusern propagiert.

Mit Blick auf den 100. Jahrestag der Bauhaus-Gründung im Jahr 2019 hat die ‚Tinyhouse University‘ das Projekt Bauhaus Campus Berlin entwickelt.

Ab März 2017 werden auf den Außenflächen des Museums etwa zwanzig sogenannte ‚Tinyhouses‘ als ‚demokratische Utopien‘ entstehen, die für ein Jahr unter anderem als Studienräume, Cafe, Ateliers, Werkstätten, Bibliothek und Begegnungsstätten dienen sollen.

Die nur maximal 10 qm großen Raumstrukturen auf Rädern sollen „Stadtstrukturen jenseits der Standards aufbrechen“. Mit einer solchen Minihaus-Struktur sollen zeitlich befristete ‚Dörfer‘ auf ihre Machbarkeit getestet werden, die zum Beispiel auf urbanen Brachflächen entstehen und über Nacht wieder verschwinden sprich, weiterziehen könnten. Ein solcher ‚Städtebau ohne Genehmigungsschleifen‘, der indes nicht ganz eines gewissen anarchistischen Elements entbehrt.

Kurator des BAUHAUS CAMPUS ist der Architekt Van Bo Le Mentzel. Der in Laos geborene Architekt und Designer stimuliert mit partizipativen Experimenten baukulturelle und gesellschaftsrelevante Debatten über die gerechte Verteilung und den nachhaltigen Ressourceneinsatz in Bauwesen und Bildung und behauptet: „Wir brauchen eine neue Baukultur, die schneller, preiswerter, partizipativer und weniger korrupt ist.”

Zu den Mitwirkenden am Bauhaus Campus gehören unter anderem

  • „Cabin Spacey“: Das junge Berliner Start-Up will ungenutzte Flächen auf Dächern als Wohnraum erschließen.
  • „Cafe Grundeinkommen“: Die Initiative will das Konzept des Grundeinkommens mit eigener Währung und eigenem Warenkreislaufs vorstellen.
  • ConstructLab: In dieser auf Kooperation angelegten Arbeitsumgebung entwerfen und realisieren Architekten, Designer und Handwerker ihre Projekte.
  • Libert[in]Y: Ein partizipativ gestalteter Begegnungsort und ‚Frauraum‘, konzipiert und gebaut von von 12 geflüchteten Frauen mit der Künstlerin Tassja Kissing.
  • House of Tiny Systems: Eine Kooperation von Katrin Hoffmann mit RESPACE mit dem Ziel eines autarken und nachhaltigen Grauwasser-Aufbereitungssystems.
  • Refunc Tiny Stories: Jan Körbes von der Architektengruppe REFUNC experimentiert mit Funktionen, Wahrnehmung und Bedeutungen von Komponenten, Material und Ressourcen.
  • RESPACE: Das Start-Up konzipiert und baut kleine multifunktionale und mobile Räume und plant gerade, mit hohem Anspruch an Architektur, Design und Wohnkomfort, eine mobile urbane Siedlung für Geflüchtete und Studenten. Der Prototyp RETREAT dient auf dem Campus als CoWorking-Space für die Fortentwicklung des Konzepts.

 

Weitere Infos:

www.bauhauscampus.berlin

Van Bo Le-Mentzel: lementzel@bauhauscampus.berlin

* Die 100-Euro-Wohnung kann am Carl-Herz Ufer 9, Berlin-Kreuzberg besichtigt werden. Jeden Donnerstag um 16 Uhr bieten die Kuratoren Leonardo Di Chiara und Katrin Hoffmann Führungen an.